Historienbibel


Informationen

Allgemeines

Unter Historienbibeln versteht man nach Hans Vollmer „deutsche Prosatexte, die in freier Bearbeitung den biblischen Erzählungsstoff, möglichst vollständig, erweitert durch apokryphe und profangeschichtliche Zutaten und unter Ausschluss oder doch Zurückdrängung der erbaulichen Glosse darbieten (…)“ (Vollmer 1912, S. 5). Als Hauptquellen gelten die Vulgata sowie die Historia Scholastica, doch auch andere Texte dienen als Vorlage. Literaturwissenschaftlich weisen sie eine gewisse Nähe zu den prosaischen Weltchroniken auf. Es ist davon auszugehen, dass auch Laien als Mitverfasser tätig waren. Als Erbauungs,- Schul- und Geschichtsbücher trugen die Historienbibeln wahrscheinlich zur Bildung des Volkes bei. Ute von Bloh geht von „einer standesmäßig nicht mehr definierbaren Leserschaft“ (von Bloh 1993, S. 96) aus.

Durchgesetzt hat sich bis heute die Einteilung der Historienbibeln nach Vollmer in insgesamt zehn Gruppen. Grundlage dafür ist eine grobe sprachgeographische Untergliederung in den oberdeutschen, mitteldeutschen und niederdeutschen Raum sowie eine Kategorie „Verschiedenes“. Die weitere Feineinteilung innerhalb dieser vier Kategorien erfolgt nach dem Kriterium der gemeinsamen Quellen.

Inhalt

Grundlage der Historienbibeln ist der biblische Stoff, wobei die Welt- und die Heilsgeschichte miteinander verbunden werden. Der Textbestand variiert dabei stark, auch die Kapitelfolgen können von denen der direkten Vorlagen abweichen. Das Verhältnis biblischer und außerbiblischer Bücher ist in den einzelnen Überlieferungsträgern ebenfalls sehr unterschiedlich. Bekannte Themenkomplexe, die in vielen der Historienbibeln verarbeitet werden, sind das Marienleben, das Leben von Adam und Eva, die Alexandergeschichte oder die Apokalypse. Ein besonderer Stellenwert kommt hierbei dem Hohelied zu, das – anders als der übrige Text – oft nicht in Prosa sondern in Versform abgefasst ist, um den „erotischen Literalsinn“ (Gerhardt 1983, Sp. 71) abzugrenzen. Teilweise fließen auch Latinisierungen mit in die deutschen Texte ein.

Überlieferung

Die Verbreitung der Historienbibeln fällt hauptsächlich in die Zeit von 1440–1475 und erstreckt sich über ganz Deutschland, wobei der Distributionsschwerpunkt im elsässischen und baierisch-österreichischen Sprachraum liegt. Das lukrative Geschäft mit den Bibeln bringt eine Zahl von über hundert Überlieferungsträgern hervor, die teils als ganze Codices, teils als Fragmente erhalten sind. Neben den überwiegenden Handschriften findet sich auch eine geringere Anzahl an Frühdrucken.

Die Lauber-Handschriften

Nach den Untersuchungen von Lieselotte Saurma-Jeltsch entstehen zwanzig der Historienbibeln in den Werkstätten von 1418 und Diebold Laubers. Sie bilden somit innerhalb der Werkstätten die größte thematische Gruppe. Alle  zwanzig Handschriften stammen aus dem oberdeutschen Raum und sind den Gruppen Ib und IIa nach Vollmer zuzuordnen. Ihre Gleichmäßigkeit und Standardisierung gelten als charakteristisch. Andrea Rapp teilt die Historienbibeln in drei Phasen ein: In der ersten  Phase von ungefähr 1418 bis 1440 entstehen die Handschriften meist als Gemeinschaftsarbeiten, an denen auch Gelegenheitsschreiber beteiligt sind. Außerdem ist ein für letzte Korrekturen zuständiger sogenannter Registerschreiber denkbar. In den folgenden zehn Jahren (2. Phase) ist vornehmlich nur ein professioneller Schreiber, vermutlich ein fester Lauber-Mitarbeiter, für je eine Historienbibel zuständig. In der dritten Phase bis zum Ende des nachweisbaren Werkstattbetriebs in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts lässt sich durch die Konzentration auf einen oder zumindest wenige Schreiber eine Qualitätssteigerung konstatieren. Neben einer Änderung der Arbeitsweise sind inhaltliche Neuerungen zu beobachten: Die alttestamentlichen Teile sind wieder näher an die biblischen Vorlagen angelehnt, neue Texte werden aufgenommen, der Psalter dagegen verschwindet weitgehend. Den Absatz der insgesamt reich bebilderten Historienbibeln der Lauber-Produktion steigert sicherlich der in dieser Phase verstärkt tätige Zeichner Hans Schilling mit seinen Illustrationen.

Forschungsliteratur

Bloh, Ute von: Die illustrierten Historienbibeln. Text und Bild in Prolog und Schöpfungsgeschichte der deutschsprachigen Historienbibeln des Spätmittelalters, Bern [u.a.] 1993 (Vestigia bibliae 13/14, 1991/92).

Gerhardt, Christoph: Historienbibeln, in: ²VL, Bd. 4, 1983, Sp.  67-75.

Rapp, Andrea: Bücher gar hübsch gemolt. Studien zur Werkstatt Diebold Laubers am Beispiel der Prosabearbeitung von Bruder Philipps Marienleben in den Historienbibeln IIa und Ib, Bern [u.a.] 1998 (Vestigia bibliae 18).

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Vollmer, Hans: Ober- und Mitteldeutsche Historienbibeln (Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde des Mittelalters, Bd. 1,1), Berlin 1912.

 (CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Nelahozeves, Bibliothek der Fürsten Lobkowicz, Cod. VI. Ea. 5 Werkstatt Diebold Lauber 1435-1440 1435 |
Hamburg, SUB, Cod. 7 in scrin. Werkstatt Diebold Lauber 1455 1455 |
Wolfenbüttel, HAB, Cod. Guelf. 1.15 Aug. 2° Werkstatt Diebold Lauber um 1460 1460 |
Solothurn, ZB, Cod. S II 43 Werkstatt Diebold Lauber 1458-1461 1458 |
Dresden, SLUB, Mscr.Dresd.A.50 Umfeld der Werkstatt von 1418 und der Werkstatt Diebold Lauber 1414-1421 1414 |
Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Hdschr. 382 Werkstatt Diebold Lauber 1444 1444 |
Bonn, ULB, S 712 Werkstatt Diebold Lauber 1438-1444 1438 |
Darmstadt, HLuHB, Hs 1 Werkstatt Diebold Lauber 1423-1430 1423 |
Dresden, SLUB, Mscr.Dresd.A.49 Werkstatt von 1418 1418-1420 1418 |
Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 19 Werkstatt Diebold Lauber 1450/1451 1450 |
Köln, Hist. Archiv der Stadt, (Best. 7010) W 250 Werkstatt Diebold Lauber 1427/1428 1427 |
Kopenhagen, KB, Thott. 123 2° Werkstatt Diebold Lauber 1437-1442 1437 |
London, BL, Add Ms. 24917 Umfeld der Werkstatt von 1418 um 1420 1420 |
London, BL, Egerton 856 Werkstatt Diebold Lauber 1466-1471 1466 |
Mainz, Bibliothek der Stadt Mainz - Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Hs II 64 Werkstatt Diebold Lauber 1421-1430 1421 |
München, BSB, Cgm 1101 Werkstatt Diebold Lauber 1428 1428 |
München, BNM, Bibl. 2502 Werkstatt Diebold Lauber 1436 1436 |
St. Gallen, KB, VadSlg Ms. 343c Werkstatt Diebold Lauber 1447-1452 1447 |
St. Gallen, KB, VadSlg Ms. 343d Werkstatt Diebold Lauber 1451-1455 1451 |
Würzburg, UB, M.ch.f.25 Werkstatt Diebold Lauber 1445-1449 1445 |
Zürich, ZB, Ms. C 5 Werkstatt Diebold Lauber 1431-1437 1431 |
Colmar, StB, Ms. 304 Werkstatt Diebold Lauber 1471-1473 1471 |


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