Virginal


Informationen

Allgemeines

Bei der Virginal handelt es sich um das Werk eines unbekannten Verfassers aus dem 13. Jahrhundert, das der aventiurehaften Dietrichepik zuzuordnen ist. Einige Motive wie Dietrichs Gefangenschaft bei Riesen oder die Befreiung eines Ritters aus dem Maul eines Drachen greift der Text aus dem typischen Repertoire seiner Gattung auf. In den griechisch und lateinisch klingenden Namen der Königin Virginal, des Libertin oder der Portalaphe erkennt Hermann Schneider die Erfindung eines gelehrten Dichters (Schneider 1928, S. 271). Insgesamt fällt die Bewertung der Handlung aufgrund zahlreicher und umfangreicher Rekapitulationen unterschiedlich aus. Ob die Zusammenschaltung der verschiedenen Handlungsstränge als „virtuoses Spiel“ (Heinzle 1999, Sp. 387) oder wegen mancher Überleitung, die „ungeschickter kaum mehr [geht]“ (Kuhn 1949, S. 337), als kompositorisch missglückt einzustufen sind, ist strittig. Timo Reuvekamp-Felber deutet dieses Strukturprinzip aus 26 Botengängen und immerhin 12 Briefen als das Zeugnis einer medialen Umbruchzeit und sieht darin die Spiegelung der medialen Kommunikationsprozesse des Mittelalters (Reuvekamp-Felber 2003).

Inhalt

Generell  ist der Inhalt der Virginal geprägt von Minnelehre und Fürstenerziehung, wobei Cordula Kropik den Aspekt der Fürstenerziehung als das Ergebnis eines gattungsinternen Umdeutungsprozesses als vordergründig betrachtet (Kropik 2003/04, S. 171). Dietrich, der sich zunächst weder unter Aventiure noch unter Frauendienst etwas vorstellen kann und „etwas weinerlich“ (Kuhn 1928, S. 384) keine Lust am Kämpfen hat, wird im Laufe der Geschichte in das ritterliche Leben eingeführt.

Am Anfang der Geschichte reitet der noch unerfahrene Dietrich von Bern mit seinem Waffenmeister Hildebrand los, um herauszufinden, was âventiure ist. Dazu soll die Zwergenkönigin Virginal und ihr Hof Jeraspunt vom heidnischen Riesen Orkise befreit werden. Im Wald treffen die beiden auf eine Jungfrau, die als Opfer für den Heiden bestimmt ist und klagend ihrem Schicksal entgegenblickt. Hildebrand tötet Orkise und rettet so das Mädchen, Dietrich dagegen, der sich dem Kampf entziehen will, gerät versehentlich in ein Gefecht mit einer ganzen Horde von Heiden. Virginal sendet auf den Bericht der heimgekehrten Jungfrau hin ihren Botenzwerg Bibunc zu Dietrich und Hildebrand, um diese zum Fest nach Jeraspunt einzuladen. Währenddessen werden die beiden in neue Gefechte mit Drachen verwickelt, wobei Hildebrand den Ritter Rentwin aus dem Maul eines Drachen rettet. Der junge Mann entpuppt sich als der Sohn des Helferich und der Portalaphe, der Muhme Hildebrands. Auf deren Burg Arona, wo Dietrich und Hildebrand an den Feierlichkeiten teilnehmen und Dietrich den Fürsten Libertin im Zweikampf besiegt, trifft Bibunc auf die Helden und überbringt Virginals Einladung. Bald nach dem Aufbruch verirrt sich Dietrich im Wald und wird vom Riesen Wicram zu dessen Herrn Nitger gebracht, der ihn auf seiner Burg Muter gefangen setzt. Nitgers Schwester Ibelin freundet sich jedoch mit Dietrich an und will ihm helfen, indem sie einen Boten nach Jeraspunt schickt. Dort versammeln sich daraufhin die Ritter vieler Länder und ziehen gemeinsam los, um Dietrich zu befreien. Nach zahlreichen weiteren Kämpfen der Rittergemeinschaft gegen Drachen und Riesen, kehren alle gemeinsam mit dem geretteten Dietrich nach Jeraspunt zurück, um endlich das dortige Fest zu begehen. Als die Nachricht von einer drohenden Belagerung Berns (Veronas) eintrifft, reisen Dietrich und Hildebrand ab. An dieser Stelle endet die Heidelberger Lauber-Handschrift. Die beiden anderen vollständigen Textzeugen berichten von weiteren Kämpfen und schließen mit der Hochzeit von Dietrich und Virginal.

Überlieferung

Die Virginal ist in 13 Handschriften aus der Zeit vom Ende des 13. Jahrhunderts bis zum Ende des 15. Jahrhunderts überliefert. Drei dieser Codices sind vollständig erhalten, weisen aber jeweils eine eigenständige Textversion auf. Die meisten der überlieferten Fragmente orientieren sich maßgeblich an der Heidelberger Fassung V10 aus der Lauber-Werkstatt, teilen aber auch Lesarten mit den beiden anderen vollständigen Textzeugen V11 aus Dresden und V12 aus Wien. Die heute unbekannte Urfassung stammt möglicherweise bereits aus der ersten, spätestens aber aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Die Lauber-Handschrift

Die in der Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene Heidelberger Handschrift Cod. Pal. germ. 324 gilt als der älteste der drei vollständig erhaltenen Textzeugen der Virginal und ist der einzige heldenepische Text aus der Lauber-Werkstatt. Sie verzichtet am Ende der Erzählung auf eine Heirat von Dietrich und Virginal und endet somit inhaltlich früher als die anderen Textfassungen. Dass die Wahl der Werkstatt gerade auf diesen Text fiel, lässt sich damit erklären, dass hier in einer Handschrift der im 15. Jahrhundert beliebte Stoff einer Heldenepik behandelt und zugleich ein höfisch-fürstliches Ritterethos vertreten wird (Kropik 2012).

Der Codex zeigt 47 Federzeichnungen, die zweierlei Herausforderungen zu meistern hatten: Einerseits sollte für die Heldenepik ein neues Bildprogramm in Abgrenzung zum typisch höfischen etabliert werden, andererseits mussten die Illustrationen „die strukturellen Anomalien“ (Kropik 2012, S. 102) des Textes aufnehmen und verarbeiten. Daraus ergibt sich, dass die Monotonie des Mehrfacherzählens von fast identischen Szenen sich auch in den sich stark ähnelnden Bildern widerspiegelt. Während entscheidende Handlungsabschnitte wie die Rentwin-Episode nicht ins Bild gesetzt sind, zeigt etwa die Hälfte der Illustrationen undynamische sich gleichende Ankunfts-, Empfangs- oder Abschiedsszenen. Die Forschung geht davon aus, dass die Rosengarten-Handschrift  Cod. Pal. germ. 359 aus der Werkstatt von 1418 als direktes Vorbild für die Bebilderung diente.

Forschungsliteratur

Heinzle, Joachim: Mittelhochdeutsche Dietrichepik. Untersuchungen zur Tradierungsweise, Überlieferungskritik und Gattungsgeschichte später Heldendichtung, Zürich / München 1978 (MTU 62).

Heinzle, Joachim: Virginal, in: ²VL, Bd. 10, 1999, Sp. 385-388.

Kropik, Cordula: Dietrich von Bern zwischen Minnelehre und Fürstenerziehung. Zur Interpretation der ›Virginal‹ h, in: JOWG 14, 2003/04, S. 159-173.

Kropik, Cordula: Heldenepik im Bild. Zu Diebold Laubers Illustrierung der ›Virginal‹, in: Fasbender, Christoph (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 99-121.

Kuhn, Hugo: Virginal, PBB 71, 1949, S. 331-386.

Schneider, Hermann: Germanische Heldensage 1/1, Berlin / Leipzig 1928 (Grundriss der germanischen Philologie 10/1).

Reuvekamp-Felber, Timo: Briefe als Kommunikations- und Struktuelemente in der ›Virginal‹. Reflexionen mittelalterlicher Schriftkultur in der Dietrichepik, in: PBB 125, 2003, S. 57-81.

Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. 36f.

 (CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Heidelberg, UB, Cod. Pal. germ. 324 Werkstatt Diebold Lauber um 1444-1448 1444 |


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