Willehalm von Orlens (Rudolf von Ems)


Informationen

Allgemeines

Der weltliche Roman Willehalm von Orlens gilt als erstes Werk der zweiten Schaffensphase des Autors Rudolf von Ems. Diese staufische Phase ist – im Gegensatz zur ersten schweizerischen – gekennzeichnet durch enge Bindungen Rudolfs an den Stauferhof und den dort wirkenden Dichterkreis, der sich einem herrscherlichen Legitimationsinteresse verschrieben hat.

Der Willehalm wird als ein Werk der Fürstenunterweisung betrachtet, in der die lere eines Herrscherideals in eine geschiht umgesetzt wird. Rudolf verfasst den Roman im Auftrag des Reichsschenks Konrad von Winterstetten und bekundet darin seine „persönliche politische Parteinahme (…) für Konrad IV.“ (Brackert 1968, S. 6). Mit dem Selbstverständnis, unter dem Vorbild der Klassiker Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg zu arbeiten, zählt Rudolf in der Forschung bis heute zu den gelehrtesten Autoren des Mittelalters. Das alte Forschungsproblem über das chronologische Verhältnis vom Alexander zum Willehalm gilt heute als gelöst: Durch Rudolfs Annäherung an die Staufer bricht der Autor seinen Alexander I ab, um den Willehalm zu verfassen, nimmt nach dessen Fertigstellung die Arbeit am Alexander II aber wieder auf.

Anders als Victor Lüdicke, der in Willehalm die Gestalt Wilhelms des Eroberers vermutet, sieht  Helmut Brackert die historische Entsprechung der Geschichte erst in den Nachbarschaftsfehden zwischen Brabant und Hennegau im ausgehenden 12. Jahrhundert. Auch die bisher häufig vertretene These, Rudolfs Willehalm stehe zwar im Traditionskontext der Chanson de geste, habe aber selbst eine antifranzösische Stoßrichtung, ist heute verworfen. Georg Jostkleigrewe erkennt vielmehr ein vorbildliches Frankreichbild in der historischen Vermittlung des Stoffes. Im 16. Jahrhundert erfährt dieser eine dramatische Verarbeitung durch Hans Sachs.

Inhalt

Der Willehalm Rudolfs von Ems ist wie die meisten Werke des Dichters mit einer Rahmenkonstruktion aufgebaut: 88 Anfangs- und 88 Schlussverse teilen sich neben Reimanalogien auch thematisch die Frage, wie das maere nach Deutschland gekommen sei. Insgesamt legt Rudolf großen Wert auf formale Feinheiten. Jedem Buch ist ein Prolog vorangestellt, der durch Initialspatia äußerlich abgegrenzt ist und dessen Anfangsverse Akrosticha bilden. Auf einen Wechsel in der Erzählweise folgt das Ende eines Absatzes. Inhaltlich gibt es Vor- und Rückgriffe. Aufgrund ihres Umfangs ist anzunehmen, dass die fünf Bücher des Willehalm von Rudolf als einzelne Vortragseinheiten konzipiert sind. Der Roman behandelt die Spannung des Helden zwischen seiner Minne- und seiner Gesellschaftsrolle.

Das erste Buch, das Rudolf nach einer unbekannten Quelle und in Anlehnung an Gottfrieds Tristan eigenständig hinzugefügt hat, erzählt die Vorgeschichte von Willehalms Eltern. Mit deren frühen Tod kurz nach der Geburt des Helden schließt diese erste Erzähleinheit.

Nach seiner Kindheit bei Jofrit von Brabant, dem Kriegsgegner seines Vaters, gelangt Willehalm an den Hof von England, wo er sich in die Königstochter Amelie verliebt. Obwohl diese seine Gefühle erwidert, erwartet sie vor einer Heirat Willehalms ritterliche Bewährung mit anschließender Schwertleite. Der Held begibt sich daher auf Ritterschaftsfahrt, bricht diese aber ab, weil in der Zwischenzeit Amelie am Hof zu einer politischen Heirat gedrängt wird. Auf der gemeinsamen Flucht wird das Liebespaar gefangen genommen, Willehalm wird verbannt. Im Exil nutzt der selbst Notleidende die lange Bußzeit für die Rettung Bedrängter. Im letzten Buch erfolgt die Vereinigung Amelies und Willehalms durch das Einwirken fremder Hilfe. Die Hochzeit und der folgende Herrschaftsbeginn Willehalms erfüllen die Schlusslösung.

Explizit stellt Rudolf von Ems im Willehalm einen Bezug zum Stauferhof her, indem er Willehalm als Begründer der Dynastie Gottfrieds von Bouillon präsentiert, als dessen legitimer Nachkomme wiederum Konrad IV. gilt – der vermutete Adressat dieser Schrift zur Fürstenunterweisung.

Überlieferung

Der Willehalm von Orlens ist aufgrund seiner anhaltenden Beliebtheit von der Entstehung in den 20er Jahren des 13. Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert in etlichen Textzeugen überliefert. Sechs vollständige Pergamenthandschriften stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Weitere 14 Pergamentschriften liegen als Fragmente vor. Aus dem 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts sind zwölf Papierhandschriften überliefert, wobei die Meininger Papierhandschrift (ehem. Hofbibl., Hs. 27) bis heute verschollen ist. Fünf der Papierhandschriften sind illustriert. Weitere fünf Überlieferungsträger aus dem 15. Jahrhundert beinhalten gekürzte Reimpaarbearbeitungen des Willehalm von Orlens, vier davon als Handschriften sowie eine als Druck.

Die Lauber-Handschriften

Der Werkstatt 1418 werden zwei Handschriften des Willehalm von Orlens zugeordnet: Heidelberg, UB, Cpg 323 und Stuttgart, WLB, Cod. HB XIII 2. Zwischen den beiden ist das Bildprogramm ebenso variantenreich wie die Bilderanzahl. Die Heidelberger Schrift konzentriert sich stark auf eine feierliche Eröffnung mit Autorenbild und verweist damit auf die gleiche alte Tradition wie der älteste Textzeuge des Willehalm von Orlens aus dem frühen 13. Jahrhundert (München, BSB, Cgm 63). Der Stuttgarter Codex ist im Ganzen wesentlich dichter mit Illustrationen versehen. Beide Handschriften stammen aus dem alemannischen Sprachraum.

Aus der Werkstatt Diebold Laubers  stammt der Codex Den Haag, KB, 76 E 1 (um 1450), der mit 39 Illustrationen ebenfalls viel sparsamer bebildert ist als die frühere Stuttgarter Handschrift. Insgesamt unterscheiden sich die Tituli dieser Lauber-Schrift deutlich von denjenigen aus der Werkstatt 1418.

Forschungsliteratur

Brackert, Helmut: Rudolf von Ems. Dichtung und Geschichte, Heidelberg 1968.

Jostkleigrewe, Georg: Dekadente Schwächlinge und karolingische Helden. Zu den Problemen einer politischen Interpretation mittelalterlicher Literatur: Das Französischeim deutschen Wilhelmszyklus, in: Susanne Friede / Dorothea Kullmann (Hrsg.): Das Potenzial des Epos. Die altfranzösische Chanson de geste im europäischen Kontext, Heidelberg 2012.

Junk, Victor (Hrsg.): Rudolfs von Ems ›Willehalm von Orlens‹, aus dem Wasserburger Codex der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen, Berlin 1905 (Deutsche Texte des Mittelalters 2) (Neudruck Dublin / Zürich 1967).

Lenschen, Walter: Gliederungsmittel und ihre erzählerischen Funktionen im Willehalm von Orlens des Rudolf von Ems, Göttingen 1967.

Lüdicke, Victor: Vorgeschichte und Nachleben des Willehalm von Orlens von Rudolf von Ems, Halle 1910 (Hermaea 8).

Pfeiffer, Franz: Verzeichnis der Handschriften, Bruchstücke und Umarbeitungen des Wilhelm von Orlens von Rudolf von Ems, in: Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, Leipzig 1954, Sp. 55-58 und 75-78.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Walliczek, Wolfgang: Rudolf von Ems, in: ²VL, Bd. 8, 1992, Sp. 322-345.

Wisbey, Roy: Die Aristotelesrede bei Walter von Châtillon und Rudolf von Ems, in: ZfdA 85 (1954/55), S. 304-311.

(CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Stuttgart, WLB, HB XIII 2 Werkstatt von 1418 1419 (Schreiberdatierung: fol. 299r); ab fol. 300r: 1467-1469 1419 |
Den Haag, KB, 76 E 1 Werkstatt Diebold Lauber 1448-1450 1448 |
Heidelberg, UB, Cod. Pal. germ. 323 Werkstatt von 1418 um 1420 1420 |


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