Wigalois (Wirnt von Grafenberg)


Informationen

Allgemeines

Von der Person Wirnt von Grafenberg ist wenig bekannt, da er nicht urkundlich, sondern nur literarisch bezeugt ist. Sein Herkunftsname Grafenberg verweist auf das heutige Gräfenberg in Oberfranken. In seinem einzigen bekannten Werk, dem Artusroman Wigalois, nennt Wirnt sich selbst an drei Stellen namentlich (Ziegeler 1999, Sp. 1252f.), wird aber auch in den Werken anderer Autoren gerühmt, wie etwa in Rudolfs von Ems Alexander (Seelbach / Seelbach 2014, S. 276). Die genaue Entstehungszeit des Wigalois ist nicht bekannt, eine Datierung ins 13. Jahrhundert / vor 1230 gilt als gesichert.

Wirnt verfasst sein Werk in strengem Bayerisch und „in einer fast nüchternen Verssprache“ (Neumann 1963, S. 31 u. 46). Die Romanstruktur ist durchdacht und mit einer sinnvoll aufeinander aufbauenden Ordnung gegliedert (Beifuss 2016, 216). Schwer fassbar sind die zahlreichen intertextuellen Verweise, die Wirnt verarbeitet. U. a. werden der Erec und der Iwein Hartmanns von Aue als „zwei seiner wichtigsten Bezugsgrößen“ (Fasbender 2010, S. 4) und die modifizierte Bel Inconnu-Tradition des schönen unbekannten Helden genannt (Seelbach / Seelbach 2014, S. 269).

Inhalt

Der Artusroman erzählt die Geschichte von Wigalois, Gaweins Sohn, der sich als Zwanzigjähriger aufmacht, seinen Vater zu suchen, nachdem diesem die Rückkehr zu Frau und Kind verwehrt bleiben musste. Auf seinem Weg kommt Wigalois an den Artushof, setzt sich nichtsahnend auf den Tugendstein und erweist sich dadurch als ideal. Denn vor ihm war niemand außer König Artus makellos genug, darauf Platz zu nehmen. Obwohl Gawein Wigalois‘ Ausbildung zum Artusritter übernimmt, erkennen sich Vater und Sohn zunächst nicht. Als eine junge Frau an den Hof kommt, weil sie Hilfe für ihre Herrin Larie fordert, bricht Wigalois auf, um ihr zu helfen; er reitet unter dem Wappen des Glücksrades. Fortan hat er verschiedene Aufgaben zu erledigen, er muss kämpfen und töten, er erweist sich als würdig, gegen den grausamen Gegner Laries, den Heiden Roaz, anzutreten, der mit dem Teufel verbunden ist. Mithilfe verschiedener Wundermittel (Zauberbrief und Zauberbrot) gelingt ihm der Sieg. Der Roman erzählt von Tugend und Glück, von Liebe und Bewährung, von fremden Welten und Wesen, von Schönheit und Hässlichkeit, von Drachen und Zwergen, von einem Artusritter, der beinahe verzweifelt und mit Gottes Hilfe doch siegreich bleibt. In diesem Sinne tritt er zunehmend nicht nur als Artusritter, sondern auch als „miles christi“ auf und harmonisiert so die Dualität von höfischer Kultur und Religiosität (Beifuss 2016, S. 216f.).  Am Ende erkennen sich Wigalois und Gawein, Wigalois wird Herrscher über die Reiche Korntin und Jeraphin, gewinnt Larie zur Frau und bekommt mit ihr einen Sohn, Litfort Gawanides. Mit einem Ausblick auf die künftigen Abenteuer dieses Kindes, die jedoch ein Dichter erzählen solle,der wildiu wort künne zamen“, schließt Wirnt seinen Roman.

Überlieferung

Der Wigalois ist neben dem Parzival „der wohl am meisten und am längsten rezipierte Artusroman des Mittelalters“ (Hiller von Gaertringen 2019, Der Wigalois-Roman). Dementsprechend sind heute noch viele Textzeugen des Romans bekannt: Von den 38 verzeichneten Handschriften sind 13 als vollständige Codices erhalten, bei den meisten handelt es sich um Pergamenthandschriften. Drucke des 16. und 17. Jahrhunderts deuten auf die andauernde Beliebtheit des Romans hin. Besonders an der Überlieferung ist, dass die beiden frühesten bekannten Handschriften(fragmente) wohl schon kurz nach der Entstehung des Romans hergestellt wurden. In vier Handschriften ist eine Anlage zur Bildausstattung ersichtlich. Jedoch ist nur in zweien davon die Bebilderung tatsächlich ausgeführt, wobei sich bei diesen beiden „der zeichnerische Bilderzyklus (…) grundlegend [unterscheidet]“ (Hiller von Gaertringen 2019, Die Handschrift).

Die Lauber-Handschrift

Eine der beiden illustrierten Wigalois-Handschriften, Cod. Don. 71, entstand im Umfeld der Werkstatt von 1418 und der Werkstatt Diebold Lauber. Die Handschrift wurde Ende 2018 von der Badischen Landesbibliothek (BLB) erworben, nachdem sie 1990 aus der Fürstlich-Fürstenbergischen Hofbibliothek Donaueschingen in Privatbesitz übergegangen war, seither teilweise als verschollen galt (Mackert 2019) und so etwa 30 Jahre für die Forschung nicht im Original zugänglich war. Genaueres ist zur früheren Provenienz nicht bekannt, vermutlich hat der Codex vor 1990 die Region am Oberrhein nicht verlassen (Hiller von Gaertringen 2019, Erwerbung 2018). Die Wasserzeichenanalyse, die durch den neuen Zugang 2019 möglich war, ergab, dass das Papier der Handschrift aus den Jahren 1426–1428 stammt.  Bei den Wasserzeichen handelt es sich um eine Krone und Waagen (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 2, S. 27).

Cod. Don. 71 ist von einer Hand mit sorgfältiger Schrift geschrieben, Lieselotte Saurma-Jeltsch erwägt eine Händeidentität mit der der Londoner Historienbibel Add. 24917 (2001, Bd. 1, S. 53). Der Codex weist einige Abschreibfehler auf und auch die Bildbeschriftung ist teilweise fehlerhaft. Der Schreiber beendet sein Werk mit der Demutsbezeugung: „Qui me schribebat / nomen suum nesciebat / si melius scripsisset / nomen suum imposuisset / Explicit liber iste / Laus tibi.“ Auf Deutsch: „Der mich schrieb, dessen Namen weiß man nicht. Wenn er besser geschrieben hätte, hätte er seinen Namen dazugesetzt. Hier endet dieses Buch. Dir gebührt das Lob.“ (Hiller von Gaertringen 2019, Die Handschrift).
In dieser Fassung des Wigalois wird der Titelheld „Herwigelis“ genannt. Im Gegensatz zu einem der frühesten Textzeugen, Köln Best. 7020 (W*) 6, fehlen die ersten 19 Verse des Prologs.

Die Handschrift umfasst 31 (von ursprünglich 32) halb- bis ganzseitige Federzeichnungen, die auf das Farbspektrum Braunrot, Ocker und Grün beschränkt sind (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 97). Saurma-Jeltsch bezeichnet die Illustrationen als einen Mischstil, der am ehesten im Zusammenhang mit der Malergruppe III steht und – wie auch die Schrift – Ähnlichkeiten mit London Add. 24917 aufweist (2001, S. 34). Die Bildausstattung in Cod. Don. 71 nimmt im Verlauf der Geschichte ab und reicht nur bis zu Wigalois‘ Heirat und Krönung, wodurch das letzte Fünftel der Handschrift unbebildert bleibt (Hiller von Gaertringen 2019, vgl. auch Henderson 1986).

Eine Besonderheit der Handschrift liegt darin, dass sie bislang weder der Werkstatt von 1418 noch der Lauber-Werkstatt eindeutig zuzuordnen ist und so aufschlussreich für den Übergang der Werkstätten sein könnte. Durch die Einheitlichkeit des Papiers und das Fehlen der Titelseite zugunsten eines Schreiberkolophons steht der Codex der Herstellungsweise der Werkstatt von 1418 nahe (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 53). Eine Bildnummerierung, wie es sie in einigen Handschriften der Werkstatt von 1418 gibt, fehlt hier jedoch, auch die höfische Motivwahl ist für die sonst vorrangig kampfbetonende Werkstatt von 1418 eher ungewöhnlich (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 13 u. 43). Verglichen mit älteren Handschriften der Werkstatt von 1418 fallen für Cod. Don. 71 der technische Aufwand und das Programm „eher bescheiden“ aus (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 225). Zu bemerken ist außerdem, dass der Wigalois in zwei der Werbeanzeigen der Lauber-Werkstatt erwähnt wird (Heidelberg Cod. Pal. germ. 314 und London Add. Ms. 28752), heute aber neben Cod. Don. 71 keine weitere Wigalois-Handschrift aus dem Lauber-Umfeld bekannt ist.

 

Forschungsliteratur

Beifuss, Helmut: Wigalois - ein Ritter Gottes? Eine handlungsanalytische Studie, Hamburg 2016.

Fasbender, Christoph: Der „Wigalois“ Wirnts von Grafenberg. Eine Einführung, Berlin / New York 2010.

Henderson, Ingeborg: Manuscript Illustrations as Generic Determinants in Wirnt von Grafenberg's „Wigalois“, in: Hubert Heinen, Ingeborg Henderson (Hrsg.): Genres in Medieval German Literature (GAG 439), Göppingen 1986, S. 59-73.

Hiller von Gaertringen, Julia: Der Donaueschinger Wigalois. Erwerbung 2018 - Der Wigalois-Roman - Die Handschrift  - Weitere Informationen, Karlsruhe, URL: https://www.blb-karlsruhe.de/aktuelles/der-donaueschinger-wigalois (letzter Zugriff: 15.10.2019).

Mackert, Christoph: BLB Karlsruhe erwirbt die ehem. Donaueschinger Wigalois-Handschrift, Leipig 2019, URL: https://www.handschriftenzentren.de/blog/2019/01/10/blb-karlsruhe-erwirbt-die-ehem-donaueschinger-wigalois-handschrift/ (letzter Zugriff: 15.10.2019).

Neumann, Friedrich: Wann verfasste Wirnt den „Wigalois“?, in: ZfDA 93, 1964, S. 31-62.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung, Band 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Seelbach, Sabine / Seelbach, Ulrich (Hrsg.): Wirnt von Grafenberg. Wigalois. Text, Übersetzung, Stellenkommentar, Berlin / Bosten 2014.

Ziegeler, Hans-Joachim: Wirnt von Grafenberg, in ²VL, Bd. 10, 1999, Sp. 1252-1267.

(SG und CM)

 

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 71 Umfeld der Werkstatt von 1418 und der Werkstatt Diebold Lauber 1426-1428 1426 |


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