Weltchronikkompilation


Informationen

Allgemeines

Die hier behandelte Weltchronikkompilation umfasst neben Rudolfs von Ems Weltchronik auch Teile der Christherre-Chronik. Außerdem sind Versifizierungen des Buchs Ruth sowie Teilversifizierungen des Buchs der Könige alter ê und niuwer ê enthalten.

Die Weltchronik entstand als Spätwerk Rudolfs von Ems Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag des Stauferkönigs Konrad IV. Dass die Handschrift bereits mit dem fünften von sechs intendierten Weltzeitaltern („aeteates mundi“) bei Salomon endet, ist darauf zurückzuführen, dass Rudolf seine Arbeit an diesem Werk für den Alexander II unterbrach und starb, bevor er die Weltchronik weiterführen konnte. Daraus ergibt sich, dass die Abschrift meist in Mischredaktionen erfolgte, wobei besonders eine „Vergesellschaftung“ mit der Christherre-Chronik eines unbekannten Verfassers als gattungstypisch gilt (Walliczek 1992, Sp. 339). Diese zweite, nach ihrem Anfangsvers benannte Reimbibel stammt wahrscheinlich aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts und bleibt  wie Rudolfs Chronik entgegen einer angekündigten Gliederung in die sechs aetates mundi unvollendet.

Als maßgebliche Hauptquellen für beide Chroniken sind die Vulgata und die Historia scholastica des Petrus Comestor zu nennen.

Aus gereimten Weltchroniken und daraus zusammengesetzten Kompilationen, die später als Vorlage für die prosaischen Historienbibeln des 15. Jahrhunderts dienten, bezogen zeitgenössische Leser im Wesentlichen ihr Geschichtsbild (Grundmann 1965, S. 11).

Inhalt

In der Weltchronik werden Heilsgeschichte und Profangeschichte als synchrone Handlungsstränge thematisiert. Neben den dominanten religiösen Inhalten spielen naturkundliches und profanes Wissen jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Die Idee von zwei civitates – die civitas Dei und die civitas terrena –, die bereits in früherer christlicher Literatur eine Rolle spielt, führt Rudolf dabei fort. Er fasst die Passagen weltlichen und heidnischen Stoffes jeweils am Ende eines Weltzeitalters zusammen. In der Christherre-Chronik erfolgen solche Inzidentien hingegen als Einschübe über den Text verteilt. Wo Rudolf im Prolog den Fokus auf den Schöpfungspreis legt, thematisiert die Christherre-Chronik in ihrer umfangreichen Exposition stärker „das heilsgeschichtliche Wirken der Trinität von der Schöpfung bis Christi Tod“ (Bloh 1991/1992, S. 50). Diese spätere Chronik gilt aufgrund ihrer auf die geistlichen Bereiche beschränkte Gelehrsamkeit außerdem als konservativer (Ott 2010, Sp. 1215).

Überlieferung

Rudolfs von Ems Weltchronik ist in über 100 Textzeugen erhalten. 17 davon sind illustriert. In den meisten Fällen ist seine Weltchronik mit anderen gattungsnahen Texten überliefert. In der Forschung gibt es verschiedene Ansätze, diese Editionen nach der Kombination ihrer Texte in Gruppen einzuteilen. Verbreitet war dabei besonders die gemeinsame Abschrift von Rudolfs Weltchronik und der Christherre-Chronik, deren Überlieferung bisher nur unzureichend aufgearbeitet ist. Auch für sie ist anzunehmen, dass mehr als 100 Handschriften und Fragmente erhalten sind. Ralf Plate konnte in seiner systematischen Auswertung der Christherre-Fragmente die bislang vorherrschende Meinung widerlegen, wonach die Vermischung des Textes mit gattungsverwandten Werken immer die Regel gewesen sei. Tatsächlich haben Plates Fragmentuntersuchungen ergeben, dass „die intensive Ineinanderarbeitung dieser drei Vers-Weltchroniken (…) ein verhältnismäßig spätes und in ihrer produktiven Phase zeitlich und räumlich begrenztes Phänomen“ darstellt (Plate 2013, S. 133f.).

Die Lauber-Handschrift

Die Colmarer Weltchronikkompilation Ms. 305 ist eine sorgfältig gearbeitete und reich bebilderte Prunkhandschrift aus der Spätzeit der Lauber-Werkstatt. Sie ist beispielhaft für eine neue Phase der Werkstatt, in der dem Betrieb maßgeblich durch die Rationalisierungen der „Gelegenheitsgesellschaft“ (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 153) von Hans Schilling und Diebold Lauber aus seinem Tief geholfen werden konnte. Schilling ist auch der einzige Schreiber dieser Weltchronikkompilation und gilt als Hauptverantwortlicher ihres gesamten Produktionsprozesses. Aus der Formulierung des Kolophons, er habe die Handschrift ußgemolt, ist es nur schwer nachzuvollziehen, wie genau Schillings Beteiligung an den Illustrationen ausgesehen hat. Sicherlich waren mehrere Mitarbeiter mit den über 500 Bildern beschäftigt, was sich auch in Farbwechseln und Stilveränderungen manifestiert.

In der Lauber-Handschrift befindet sich die Christherre-Chronik bis auf eine C-Initiale unbebildert auf den ersten neun Blättern. Die danach einsetzende Weltchronik Rudolfs von Ems enthält weitere Einschübe des Christherre-Textes sowie des Buchs Ruth und des Buchs der Könige alter ê und niuwer ê. Mit über 500 Illustrationen weist der 462 Blätter umfassende Codex eine enorme Bilddichte auf.

Forschungsliteratur

Bloh, Ute von: Die illustrierten Historienbibeln. Text und Bild in Prolog und Schöpfungsgeschichte der deutschsprachigen Historienbibeln des Spätmittelalters, Bern [u.a.] 1993 (Vestigia bibliae 13/14, 1991/92).

Bodemann, Ulrike: Diebold Lauber, Hans Schilling und die heiligen drei Könige. Beobachtungen zur Handschrift London, British Library, Add. 28752, in: Fasbender, Christoph (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 287-297.

Grundmann, Herbert: Geschichtsschreibung im Mittelalter. Gattungen – Epochen – Eigenart, Göttingen 1965.

Ott, Norbert H.: Christherre-Chronik, in: ²VL, Bd. 1, 1978, Sp. 1213-1217.

Plate, Ralf: Nachlese zur ›Christherre-Chronik‹-Überlieferung, in: Rudolf Bentzinger [u.a.] (Hrsg.): Grundlagen. Forschungen, Editionen und Materialien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Stuttgart 2013 (ZfdA-Beiheft 18), S. 133-137.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Tippelskirch, Ingrid von: Die ›Weltchronik‹ des Rudolf von Ems. Studien zur Geschichtsauffassung und politischen Intention, Karlsruhe 1972.

Walliczek, Wolfgang: Rudolf von Ems, in: ²VL, Bd. 8, 1992, Sp. 322-345.

(CM)

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Colmar, StB, Ms. 305 Werkstatt Diebold Lauber 1459 1459 |


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