Trojanerkrieg (Konrad von Würzburg)


Informationen

Allgemeines

Konrad von Würzburg erhielt vom Baseler Domkantor Dietrich an dem Orte den Auftrag für seinen Trojanerkrieg. Der Berufsdichter konnte sein gewaltiges Alterswerk, dessen antiker Stoff eine „Zentralstellung“ (Brunner 1990, S. 3) im mittelalterlichen Geschichtsbild einnahm, nicht beenden, weil er noch vor der Fertigstellung des Textes im Jahr 1287 starb. Bent Gebert stellt neben den historiographischen Erwartungen, die den Trojanerkrieg prägen, auch die Diskursbedingungen der Mythographie als entscheidenden Aspekt der textlichen Einordnung heraus (Gebert 2013, S. 15). Der Roman umfasst 40424 Verse, für die Konrad verschiedene Quellen wie Benoît de Sainte-Maure, Ovid und Statius heranzieht, die als Autoritäten den Wahrheitsgehalt der Geschichte garantieren sollen.  Konrad verzichtet dabei auf Bescheidenheitstopoi und stilisiert sich selbst „zu einem der wenigen Meister der Dichtkunst“ (Lienert 1996, S. 25). Sein Erzählduktus ist programmatisch auf Breite ausgerichtet und spinnt ein dichtes Netz aus Vorausdeutungen, Rückverweisen und enzyklopädischen Exkursen (Lienert 1996, S. 202 u. 238; Lienert 1989, S. 11). Elisabeth Lienert betont, dass Konrad seinen Trojanerkrieg durchgängig auf Gottfrieds von Straßburg Tristan hin erzählt (Lienert 1996, S. 207).

Um 1300 verfasste ein Anonymus vermutlich im alemannischen Raum die sogenannte Trojanerkrieg-Fortsetzung, deren Entstehungszusammenhänge nicht bekannt sind (Lienert 1995, Sp. 1070). Anders als Konrads Text (Lienert 1996, S. 182f.) basiert diese 9412 Reimpaarverse umfassende Fortsetzung vornehmlich auf dem angeblichen Augenzeugenbericht des Dictys Cretensis.

Der Trojanerkrieg diente selbst als wichtige Quelle für spätere Werke wie Jan Enikels Weltchronik (Lienert 1996, S. 183).

Inhalt

Im „ausgeprägt programmatisch formuliert[en]“ (Lienert 1996, S. 17) Prolog des Trojanerkrieges hebt Konrad „die Klangwirkung als Qualitätskriterium poetischer Rede hervor“ (Hübner 2014, S. 423). Darin integriert der Dichter auch ein Lob seines Gönners (v. 244-257) und nennt seine beiden zentralen Themen minne und strît. Die Minnekonzeption selbst fällt insofern „eher negativ“ (Lienert 1996, S. 300) aus, als die Minne nur „das Begehren des Schönen“ zu bedeuten scheint (Bleumer 2010, S. 117). Als durchgängiges Motiv erweist sich die Vergeblichkeit des menschlichen Wissens, Wollens und Handelns (Lienert 1996, S. 244).

Konrad erzählt die Geschichte des Trojanischen Krieges von der Geburt des Paris bis zum Beginn der vierten Schlacht, wobei Helena als Zentralfigur fungiert. Insgesamt zeigen sich bei Konrad die Mediävalisierung des antiken Stoffes sowie eine Tendenz zur Rationalisierung und zur Idealisierung der Helden (Lienert 1996, S. 193 u. S. 215). Anders als der Verfasser der Fortsetzung, der eine pro-griechische Haltung einnimmt, ist Konrad erfolgreich um eine objektive Darstellung beider Kriegsgegner bemüht (Brunner 1985, Sp. 299). Nachdem die Schicksale der heimkehrenden Griechen erzählt sind, endet die Trojanerkrieg-Fortsetzung.

Überlieferung

Konrads Trojanerkrieg ist sowohl die im deutschen Mittelalter am weitesten verbreitete Wiedererzählung des Trojanischen Krieges als auch das am meisten rezipierte von Konrads Werken (Lienert 1990a, S. 325). Insgesamt sind 33 Textzeugen bekannt. Den größten Anteil hieran machen Exzerptüberlieferungen des Romans aus, die mit anderen Werken kompiliert sind. Zudem sind aber auch sechs vollständige Handschriften und neun Fragmente bekannt. Alle sechs vollständig überlieferten Trojanerkrieg-Handschriftenerzählen mithilfe der anonymen Fortsetzung die Geschichte zu Ende. Die davon wohl älteste Straßburger Handschrift des 14. Jahrhunderts verbrannte 1870. Immerhin vier der sechs vollständigen Codizes sind illustriert, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass im Mittelalter das Bildzitat des Trojanischen Krieges „weitaus verbreiteter [war] als das Literaturzitat“  (Lienert 1990b, S. 210).

Die Lauber-Handschriften

Die drei aus der Lauber-Werkstatt stammenden bebilderten und rubrizierten Trojanerkrieg-Handschriften ZAMs 37 (Zeil bei Leutkirch), M.ch.f.24 (Würzburg) und Ms. germ. fol. 1 (Berlin) sind als vollständige Codices überliefert und enthalten auch die Fortsetzung. Sie sind die einzigen Textzeugen eines profanen Stoffes, der bei Lauber mehrfach über einen größeren Zeitraum  und „unabhängig von der jeweiligen Fertigungsintensität gestaltet wurde“ (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 217f.). In den Verlagsanzeigen des Heidelberger Cod. Pal. germ. 314 wird mit „Troyen gemault“ auf diese Lauber-Produkte verwiesen. Für keinen der drei Codizes ist ein Auftraggeber bekannt, was die Vermutung zulässt, die Handschriften seien auf Vorrat gefertigt worden (Lienert 1989, S. 17). Alle drei entstanden in der Zeit der Aufnahme wichtiger Epen ins Lauber-Verlagsprogramm, wurden jedoch nicht direkt im Anschluss an die Schreibarbeit fertig ausgestattet. Durch den Verzicht auf den Prolog Konrads von Würzburg ist den drei Textzeugen eine Fokussierung auf die reine Erzählung sowie eine Anonymisierung des Textes gemein (Lienert 1989, S. 19). Laschen, die sich bei allen drei Handschriften an den Bildseiten befinden, deuten darauf hin, dass die Rezeption der Bilder eine bedeutende Rolle im Gebrauch der Trojanerkrieg-Manuskripte spielte.

Lieselotte Saurma-Jeltsch sieht den wohl zwischen 1443 und 1446 entstandenen Berliner Codex seiner Konzeption nach in der Nähe der höfischen Benimmbücher (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 43). Im Berliner Codex ist – anders als in den beiden anderen Lauber-Trojanerkriegen  nicht nur einer sondern zwei Schreiber tätig. Ms. germ. fol. 1 hat Wasserzeichenüberschneidungen mit anderen Werken der Lauber-Werkstatt wie dem Wiener Parzival, der Bonner Historienbibel, dem Frankfurter Buch der Natur und der Heidelberger Bibel.  Auch in Bezug auf die Bildmotivik weist der 97 Federzeichnungen umfassende Berliner Trojanerkrieg Gemeinsamkeiten mit anderen Lauber-Produkten wie der Münchener Historienbibel und dem Brüsseler Schwabenspiegel auf, was auf eine offene Verwendung von Bildformeln auch über Gattungsgrenzen hinweg schließen lässt. Dass sich in der Handschrift die Arbeiten der Malergruppen A und F überschneiden, kann als Argument für einen fließenden Übergang der Ausstattungskräfte gedeutet werden.

Der Text des Würzburger Trojanerkrieges entstand ebenfalls Mitte der 1440er Jahre, die Bildausstattung dagegen erst Ende der 1450er Jahre. Der große zeitliche Abstand zwischen Textarbeit und Bildausstattung lässt sich vermutlich auf den Produktionseinbruch der Werkstatt in der zweiten Hälfte der 1450er Jahre zurückführen. Der Codex enthält mit 127 Federzeichnungen die meisten Illustrationen der drei Trojanerkriege aus der Lauber-Werkstatt. Es kommt wie im Berliner Exemplar die Malergruppe F zum Einsatz, überarbeitet hier jedoch die Vorarbeiten des Malers C. Wie abhängig die Maler von den Schreibern gewesen sein dürften, zeigt sich darin, dass ein Schreibfehler des Rubrikators in M.ch.f.24 auch zu einem veränderten Bildmotiv in dem Codex geführt hat. Zwei Bilder wurden in den dafür vorgesehenen Freiräumen nicht ausgeführt. Da die drei Lauber-Handschriften des Trojanerkrieges „textkritisch so eng zusammen[hängen]“, dass Christine Putzo in Betracht zieht, alle drei gingen auf ein gemeinsames Anweisungsblatt der Werkstatt zurück (Putzo 2012, S. 188), liegt es nahe, dass sich auch in der Würzburger Handschrift ein Inhaltsverzeichnis befunden haben muss. Durch Blattverluste fehlen jedoch die Seiten dieses wahrscheinlichen Registers.

Insgesamt weisen die Textteile der drei Handschriften nur geringe Abweichungen voneinander auf, in Bezug auf die Ausrichtung der Tituli zeigen sich bei der Zeiler Handschrift aber deutliche Unterschiede zu den beiden anderen Exemplaren (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 81). In ZAMs 37 sind diese Bildüberschriften als wesentlich ausführlichere und genauere Beschreibungen gestaltet als in den Schwesternhandschriften, die sich in ihrer Bildauswahl aber nur unwesentlich unterscheiden. Einige der Blätter des Zeiler Trojanerkrieges wurden herausgerissen, sodass der Codex heute nur noch 74 Federzeichnungen enthält. Auch in dieser Handschrift ist ein zeitlicher Abstand von etwa zehn Jahren zwischen der Schreibarbeit von 1446/1447 und der Bildausstattung von etwa 1455, die hier ausschließlich von Maler B stammt, festzustellen.

Forschungsliteratur

Alfen, Klemens / Fochler, Petra / Lienert, Elisabeth: Deutsche Trojatexte des 12. bis 16. Jahrhunderts. Repertorium, in: Horst Brunner (Hrsg.): Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Materialien und Untersuchungen, Wiesbaden 1990 (Wissensliteratur im Mittelalter 3), S. 7-197.

Becker, Peter Jörg: Aderlass und Seelentrost. Die Überlieferung deutscher Texte im Spiegel Berliner Handschriften und Inkunabeln, Mainz 2003.

Bleumer, Hartmut: Zwischen Wort und Bild. Narrativität und Visualität im ›Trojanischen Krieg‹ Konrads von Würzburg. (Mit einer kritischen Revision der Sichtbarkeitsdebatte), in: Ders. [u.a.] (Hrsg.): Zwischen Wort und Bild. Wahrnehmungen und Deutungen im Mittelalter, Köln 2010, S. 109-156.

Brunner, Horst: Konrad von Würzburg, in: ²VL, Bd. 5, 1985, Sp. 272-304.

Brunner, Horst: Vorwort, in: Ders. (Hrsg.): Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Materialien und Untersuchungen, Wiesbaden 1990 (Wissensliteratur im Mittelalter 3), S. 3-6.

Gebert, Bent: Mythos als Wissensform. Epistemik und Poetik des ›Trojanerkriegs‹ Konrads von Würzburg, Berlin / Boston 2013.

Hübner, Gert: Der künstliche Baum. Höfischer Roman und poetisches Erzählen, in: PBB 136, 2014, S. 415-471.

Lienert, Elisabeth: Die Überlieferung von Konrads von Würzburg ›Trojanerkrieg‹, in: Horst Brunner: (Hrsg.): Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Materialien und Untersuchungen, Wiesbaden 1990, S. 325-406. (a)

Lienert, Elisabeth: Geschichte und Erzählen. Studien zu Konrads von Würzburg ›Trojanerkrieg‹, Wiesbaden 1996 (Wissensliteratur im Mittelalter 22).

Lienert, Elisabeth: Konrad von Würzburg. Trojanerkrieg (Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Berlin. Ms. germ. fol. 1). Farbmikrofiche-Edition. Einführung in das Werk und Beschreibung der Handschrift, München 1989 (Codices illuminati medii aevi 15).

Lienert, Elisabeth: Ritterschaft und Minne, Ursprungsmythos und Bildungszitat – Troja-Anspielungen in nicht-trojanischen Dichtungen des 12. bis 16. Jahrhunderts, in: Horst Brunner: (Hrsg.): Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Materialien und Untersuchungen, Wiesbaden 1990 (Wissensliteratur im Mittelalter 3), S. 199-243. (b)

Lienert, Elisabeth: ›Trojanerkrieg‹-Fortsetzung, in: ²VL, Bd. 9, 1995, Sp. 1069-1072.

Merkle, Stefan: Troiani belli verior textus. Die Trojaberichte des Dictys und Dares, in: Horst Brunner: (Hrsg.): Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Materialien und Untersuchungen, Wiesbaden 1990 (Wissensliteratur im Mittelalter 3), S. 491-522.

Putzo, Christine: Laubers Vorlagen. Vermutungen zur Beschaffenheit ihres Textes – Beobachtungen zu ihrer Verwaltung im Kontext der Produktion. Am Beispiel der Überlieferungen von ›Flore und Blanscheflur‹ und ›Parzival‹, in: Christoph Fasbender (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 165-196.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1, Wiesbaden 2001.

Stamm-Saurma, Lieselotte E.: Die Illustrationen zu Konrads Trojanerkrieg, in: Christian Schmid-Cadalbert (Hrsg.): Das ritterliche Basel. Zum 700. Todestag Konrads von Würzburg, Katalog zur Ausstellung im Stadt- und Münstermuseum Basel 20. Mai bis 23. August 1987 und im Ausstellungsraum des Bayerischen Staatsarchivs auf der Festung Marienberg in Würzburg 9. September bis 11. Oktober 1987, Basel 1987, S. 62-68.

(CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Würzburg, UB, M.ch.f.24 Werkstatt Diebold Lauber 1443-1445 1443 |
Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Ms. germ. fol. 1 Werkstatt Diebold Lauber 1443-1446 1443 |
Zeil bei Leutkirch, Fürstlich Waldburg Zeil'sches Gesamtarchiv, ZAMs 37 Werkstatt Diebold Lauber 1446/1447 1446 |


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