Tristan (Gottfried von Straßburg)


Informationen

Allgemeines

Folgende Beschreibung bezieht sich entsprechend der Textzusammenstellung der Lauber-Handschrift ms. 14697 auf die Texte Tristan Gottfrieds von Straßburg, Tristan als Mönch als Werk eines Anonymus und den Fortsetzungsroman Ulrichs von Türheim, wobei von Letztgenanntem in der relevanten Lauber'schen Handschrift nur das letzte Viertel aufgenommen ist.

Tristan und Isolde sind bis heute eines der bekanntesten Liebespaare der Literatur des europäischen Mittelalters. Liebestrank, Baumgartenszene und Minnegrotte sind meist auch ohne genaue Textkenntnisse assoziativ mit der Tristan-Dichtung verbunden. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts nimmt sich Gottfried von Straßburg des Stoffes mit einem Verweis auf die Vorlage Thomas‘ von Britanje an, stirbt allerdings, ehe er seinen Tristan-Roman fertigstellen kann. Aus diesem Grund und wegen der großen Beliebtheit der Geschichte haben sich verschiedene Autoren um Fortsetzungen zum Gottfried’schen Text bemüht, die heute meist unter dem Begriff „Rückkehrabenteuer“  zusammengefasst werden. Hierzu zählen die Tristan-Fortsetzungen des Heinrich von Freiberg und des Ulrich von Türheim sowie der Text Tristan als Mönch. Da Gottfried und seine Nachfolger gegenseitig ihre Rezeption steuern, konstituieren sie auch gemeinsame Erzählzusammenhänge (Strohschneider 1991, S. 77).

Gottfried von Straßburg und sein Werk gelten als Klassiker. Seine stilistische Sprachkunst, die insbesondere durch eine Vielzahl von Akrosticha und eine rhythmische „Geschmeidigkeit“ (Kuhn 1999, Sp. 166) auffällt, wird in der Tristan-Fortsetzung Ulrichs von Türheim meist routiniert imitiert. Das EpisodengedichtTristan als Mönch dagegen weist auf eine „bescheidene sprachliche Kompetenz“ (Steinhoff 1999, Sp. 1064) seines unbekannten Autors hin. Die Bewertung der Rückkehrabenteuer fällt unterschiedlich aus: In seinen Verstellungsunternehmungen, die ihm zu Treffen mit Isolde verhelfen sollen, sieht Anja Becker Tristans Selbstverlust (Becker 2009, S. 304), Jan-Dirk Müller erkennt dagegen nirgends eine Gefahr für Tristans Identität (Müller 1992, S. 537). In Tristan als Mönch sieht er die Parodie des Gottfried'schen Erinnerungsvollzugs (Müller 1999, S. 464).

Inhalt

Im Prolog fasst Gottfried bereits die gesamte Geschichte des Paares bis zum gemeinsamen Tod ins Auge. Nach der genealogischen Vorgeschichte der Eltern Riwalin und Blanscheflur, die bereits auf das Liebesunglück vorausdeutet, wendet sich der Erzähler der Jugend des Königssohnes und Protagonisten Tristan zu. Als er bereits einige Abenteuer überstanden hat, soll Tristan die blonde Isolde aus Irland seinem Onkel Marke zur Heirat nach Cornwall bringen. Auf der Reise trinken die beiden jedoch einen verhängnisvollen Zaubertrank und verlieben sich unsterblich ineinander. So entspinnt sich ein Konfliktdreieck aus Tristan, Isolde und Marke, das von Ehebrüchen, Verdächtigungen und Liebesabenteuern geprägt ist. Der Ehebruch wird schließlich entdeckt und Tristan muss Markes Hof verlassen. In der Ferne heiratet Tristan Isolde Weißhand, die ihn zwar an die blonde Isolde erinnert, dem Vergleich mit ihr aber in Tristans Augen doch nicht standhalten kann. Dazu das Sterben der beiden unglücklich Getrennten zu schildern, kommt Gottfried nicht mehr. Das „senemære“ – wie Gottfried seine Liebesgeschichte nennt – zeigt das Konfliktpotential zwischen „êre“ und „minne“. Mit Elementen wie dem Liebestrank und dem Ehebruch treten die zwanghaften und unharmonischen Seiten der Liebe stark mit in den Vordergrund.

Den Widerspruch zwischen Liebespassion und höfischer Ordnung organisieren die Fortsetzer weniger radikal als Gottfried und versuchen eher, Tristan mithilfe von Kompromisslösungen zu retten (Müller 1992, S. 531).

Die Fortsetzung Tristan als Mönch setzt die Eheschließung mit Isolde Weißhand voraus und zeigt, wie Tristan einen im Wald gefundenen Toten verstümmelt, um diesen als seine eigene Leiche nach Cornwall zu bringen. Er selbst gibt sich als der Mörder dieses vermeintlichen Tristans aus und kann so unerkannt im Zuge der ausschweifenden Klagerituale die blonde Isolde treffen. Als Buße für die Tat behauptet er, als Mönch in ein Kloster zu gehen. Diese Tristan-Fortsetzung bricht durch die Konzentration auf nur eine Episode sowohl mit der Reihenstruktur der anderen Fortsetzer als auch mir deren traditionellem Repertoire: Als einzige lässt sie Tristan seinen eigenen Tod vortäuschen, um Isoldes Liebe zu prüfen. Dafür dass Tristan als Mönch ursprünglich als eigenständiges Episodengedicht entstanden sein könnte, spricht außerdem, dass er weniger gut in den Tristan-Gesamtblauf integriert ist und noch vor der Kaedin-Episode endet.

Bei Ulrich von Türheim arrangiert Tristan, der bereits mit Isolde Weißhand verheiratet ist, aber die Ehe nicht vollziehen will, mithilfe optischer Veränderungen heimliche Treffen mit der geliebten blonden Isolde. Die Lauber-Handschrift setzt in Ulrichs Tristan erst gegen Ende dieser Verkleidungs-Episoden ein. Sie schließt an Tristan als Mönch mit dem Beginn der Liebesgeschichte Kaedinsan und hat in der "gesellschaft" der männlichen Protagonisten Tristan und Kaedin ihren Fixpunkt (Strohschneider 1991, S. 82). Die Lauber-Werkzusammenschau lässt Ulrich schließlich die tragische Geschichte der Liebenden zu ihrem tödlichen Ende bringen.

Überlieferung

Gottfrieds Tristan ist in elf vollständigen Handschriften und in 16 Fragmenten überliefert. Bei nur einem der vollständigen Codices ist ausschließlich das unvollendete Gottfried’sche Werk aufgenommen. Alle anderen schließen andere Texte an, um die minne-Erzählung abzurunden. Im frühen 13. Jahrhundert, also direkt nach der Entstehung, ist die Überlieferung besonders dicht. Insgesamt überwiegen bei den Handschriften alemannisch-elsässische Sprachmerkmale, die eine Herkunft aus demselben Gebiet nahelegen.

Tristan als Mönch ist einzig in der Brüsseler Handschrift aus der Werkstatt Diebold Laubers erhalten. Eine jüngere Parallelhandschrift, die aus dem Jahr 1489 stammen soll, sowie deren Abschrift von 1722 sind  heute verloren. Anhand metrischer und stilistischer Hinweise wird die Entstehung dieses Episodengedichts in der Mitte des 13. Jahrhunderts vermutet.

Ulrichs von Türheim Tristan-Fortsetzung findet sich in vier Überlieferungsträgern aus der Zeit zwischen den 40er Jahren des 13. Jahrhunderts und der Mitte des 14. Jahrhunderts. In zwei weiteren Handschriften aus dem 15. Jahrhundert ist jeweils nur das letzte Viertel von Ulrichs Fortsetzung im Anschluss an Tristan als Mönch aufgenommen, wobei einer dieser beiden Codices als verschollen gilt.

Die Lauber-Handschrift

Die Brüsseler Lauber-Handschrift R (ms. 14697) umfasst neben dem Gottfried’schen Tristan auch Tristan als Mönch sowie Ulrichs von Türheim Tristan (diesen ab V. 2855) und lässt diese so in einen intratextuellen Dialog treten (Müller 1999, S. 457). Damit ist diese Lauber-Handschrift das einzig erhaltene Textzeugnis für Tristan als Mönch. Die Zusammenstellung der drei Texte ist allerdings wohl nicht in der Lauber-Werkstatt neu entstanden, sondern Handschrift R gilt als die Abschrift einer nicht mehr vorhandenen Vorlage RS.  Lauber’sche Werbeanzeigen weisen außerdem darauf hin, dass auch noch weitere Tristan-Handschriften bei Diebold Lauber entstanden sein dürften.

Handschrift R ist eine der drei illustrierten Tristan-Überlieferungsträger. Ihr Bildprogramm, das neben einer Zierinitiale weitere 91 kolorierte Federzeichnungen umfasst, schließt alle drei enthaltenen Tristan-Texte ein. Jens Haustein stellt fest, dass „[k]eine zentrale Stelle des Textes […] illustriert“ (Haustein 2012, S. 129) ist, und sieht den Zweck der Bilder in der Dynamisierung des Geschriebenen. Die Anordnung folgt meist dem Prinzip, dass der Kapitelüberschrift mit Titulus auf der gegenüberliegenden Seite das dazugehörige ganzseitige Bild folgt. Die Illustrationen zeigen eine „erweiterte Palette vorbildlichen Verhaltens“ (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 236) und könnten die Handschrift zu einer Art Benimmbuch für mittelalterliche Leser gemacht haben. Innerhalb der Gottfried‘schen Tristan-Überlieferung nimmt die Handschrift allerdings wohl keinen prominenten Rang ein. Jens Haustein geht etwa davon aus, dass dieses Lauber-Produkt nicht „zu den prominentesten Tristan-Handschriften gezählt“ (Haustein 2012, S. 125) werden kann.

Forschungsliteratur

Becker, Anja: Körper, Selbst, Schöpfung. Körper und Identität in den Rückkehrabenteuern der Tristan-Tradition, in: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur 131, 2009, S. 277–307.

Becker, Peter Jörg: Handschriften und Frühdrucke mittelhochdeutscher Epen. Eneide, Tristrant, Tristan, Erec, Iwein, Parzival, Willehalm, Jüngerer Titurel, Nibelungenlied und ihre Reproduktion und Rezeption im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Wiesbaden 1977.

Haustein, Jens: Text und Bild im Brüsseler ›Tristan‹, in: Fasbender, Christoph (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 123-130.

Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan, Berlin 2013.

Kuhn, Hugo: Gottfried von Straßburg, in: ²VL, Bd. 3, 1983, Sp. 153-168.

Müller, Jan-Dirk: Tristans Rückkehr. Zu den Fortsetzern Gottrieds von Straßburg, in: Johannes Janota [u.a.] (Hrsg.): Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger, Bd. 2, Tübingen 1992, S. 529-548.

Müller, Jan-Dirk: Vergiftete Erinnerung. Zu Tristan als Mönch, in: Claudia Brinker-von der Heyde / Niklaus Largier (Hrsg.): Homo Medietas. Aufsätze zu Religiosität, Literatur und Denkformen des Menschen vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Festschrift für Alois Maria Haas, Bern [u.a.] 1999, S. 455-470.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Der Brüsseler ›Tristan‹, Ein mittelalterliches Haus- und Sachbuch, in: Xenja von Ertzdorff (Hrsg.): Tristan und Isolt im Spätmittelalter, Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 3. Bis 8. Juni 1996 an der Justus-Liebig-Universität Gießen, unter redaktioneller Mitarbeit von Rudolf Schulz, Amsterdam 1999 (Chloe. Beihefte zum Daphnis 29), S. 247-301.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Steinhoff, Hans-Hugo: Tristan als Mönch, in: ²VL, Bd. 9, 1995, Sp. 1062-1065.

Strohschneider, Peter: Gotfrit-Fortsetzungen. Tristans Ende im 13. Jahrhundert und die Möglichkeiten nachklassischer Epik, in: DVjS 65, 1991, S. 70-98.

Strohschneider, Peter: Ulrich von Türheim, in: ²VL, Bd. 10, 1999, Sp. 28-39.

Wessel, Franziska: Probleme der Metaphorik und die Minnemetaphorik in Gottfrieds von Straßburg Tristan und Isolde, München 1984.

(CM)

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Brüssel, KBR, ms. 14697 Werkstatt Diebold Lauber 1447-1449 1447 |


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