Parzival (Wolfram von Eschenbach)


Informationen

Allgemeines

Ist zwifel hertzen nochgebur / Das müs der selen werden sur / Gesmahet vnd gezieret / Ist wo sich parreret / In eins verzageten mannes müt / Also agelester farwe tüt / Der mag dannoch wesen gel geil / Wan an Ime sint beide teil / Des hymmels vnd der helle

Transkription nach der Dresdener Lauber-Handschrift (Mscr.Dresd.M 66)

Mit diesen Versen beginnt einer der wohl populärsten Versromane des Mittelalters: der Parzival Wolframs von Eschenbach. Aber nicht nur zwischen seiner Entstehungszeit im 13. Jahrhundert und dem Ende der ersten Phase der Überlieferung am Ende des Manuskriptzeitalters erfreute sich der Parzival großer Beliebtheit. Auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung war der Text immer wieder Gegenstand intensiver Untersuchungen und Interpretationen. Ein Grund dafür ist sicher in der thematischen Komplexität des Romans gegeben, die sich auch schon im Prolog zeigt. Das hier mit der Metapher der „Elsternfarbigkeit“ des Menschen beschriebene Menschenbild stellt Uneindeutigkeit und Ambivalenz programmatisch an den Beginn des Romans. Ambivalenz und Uneindeutigkeit bleiben dann auch den ganzen Roman hindurch bestimmend: die Handlung changiert zwischen religiöser und weltlicher Motivik, zwischen Grals- und Artusgesellschaft und zwischen Liebes- und Gewalt- bzw. Kampfthematik.

Inhalt

Der Parzival Wolframs von Eschenbach wird seit der Ausgabe Karl Lachmanns (1833)  in 16 Bücher eingeteilt.

Parzival, der von seiner Mutter in der Abgeschiedenheit des Waldes von Soltane aufgezogen wird, macht sich in Torenkleidung als „tumber tor“ auf den Weg, um Ritter zu werden. Auf der so beginnenden Reise begegnet Parzival verschiedensten Herausforderungen und Aventiuren, die seine Entwicklung zum Gralsritter und letztlich Gralkönig begleiten. Scheitert er beim ersten Besuch auf der Gralsburg, indem er die erlösende Frage an den Gralkönig Anfortas nicht stellt, kann er beim zweiten Besuch die Gralsgesellschaft erlösen. Unterbrochen wird die Erzählung der Parzival-Handlung zwei Mal durch die Erzählung der Aventiurefahrten Gawans (Bücher VII bis VIII sowie X bis XIV). Die Handlung um die beiden Protagonisten Parzival und Gawan ist durch die Erzählung der Geschichte von Parzivals Vater Gahmuret in den ersten beiden Büchern und den Ausblick auf die Geschichte von Parzivals Sohn Loherangrin im 16. Buch gerahmt.

Der Roman Wolframs zeichnet sich dabei durch eine komplexen Gestaltung und Verschachtelung verschiedener Handlungsstränge aus, in denen eine Vielzahl thematischer Schwerpunkte verbunden werden. Immer wieder werden „wirklich oder scheinbar inkompatible[.] Elemente“ (Schirok 2011, S. 389) miteinander verbunden. Der hohen Bedeutung der religiösen Thematik, prominent repräsentiert durch den geheimnisvollen Gral und die erlösende Frage Parzivals an den Gralskönig Amfortas, stehen thematisch eher dem weltlichen Bereich zuzuordnende Schwerpunkte wie Liebe und Ehe, aber auch Rittertum und Kampf sowie gesellschaftliche Auseinandersetzungen in der Artusgesellschaft gegenüber. Dabei gibt es im Parzival Wolframs von Eschenbach niemals einfache Gegnüberstellungen, auch die thematischen Schwerpunkte bleiben getreu der im Prolog vorgestellten Programmatik „elsternhaft“ miteinander in einem ambivalenten Spannungverhältnis verbunden.

Überlieferung

Nach derzeitigem Stand der Forschung umfasst die Parzival-Überlieferung 88 Überlieferungsträger, darunter 16 mehr oder weniger vollständige Handschriften, 71 Fragmente und einen Druck, wobei die oberdeutsche Überlieferung den weitaus größten Anteil an der Überlieferung hat. Die Überlieferung beginnt in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts und reicht bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. nach Karl Lachmann (erste kritisch Edition 1833) kann die Überlieferung in zwei Hauptgruppen aufgeteilt werden, die sich in Versbestand und Wortlaut unterscheiden: Gruppe *D und *G.

Nach den bis heute erhaltenen Überlieferungsträgern kommt es zeitlich gesehen ab der Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem Rückgang der Überlieferung. Die erneute Zunahme der Parzival-Überlieferung um die Mitte des 15. Jahrhunderts ist auf die Aufnahme des Parzival in die Programme Laubers und Mentelins (Druck 1477) zurückzuführen, die „sicherlich nicht ohne Marktanalyse oder entsprechende Kundenwünsche erfolgte.“ (Heinzle 2011, S. 329)

Die Lauber-Handschriften

Die Lauber-Handschriften m (Wien, Cod 2914, um 1440-1445), n (Heidelberg, Cpg 339, um 1445) und o (Dresden, M 66, um 1445-1450) ordnet Gabriel Viehauser-Mery der Gruppe *m zu, die nach Martin (1900) als Binnenüberlieferung der Klasse *D zuzuordnen ist. Zu dieser Gruppe gehören neben den Lauber-Handschriften noch drei Fragmente, von denen zwei aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts und eines aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammen. Damit geht die Gruppe *m bis in die älteste Zeit der Überlieferung des Parzival zurück. Gleichzeitig stehen die Lauber-Handschriften am „Ende der ersten Phase der Parzival Überlieferung und am Ausgang des Manuskriptzeitalters und damit einer spezifisch mittelalterlichen Textualität überhaupt“ (Viehauser-Mery 2009, S. 484). Gingen Lachmann und andere noch davon aus, dass die Parzival-Handschriften aus der Lauber-Werkstatt einen „ziemlich sinnentstellten Text“ bieten, sieht Gabriel Viehauser-Mery neben einer „konservativere[n] Aneignungsstrategie“ und einer „Neigung zur Glättung, zur Auflösung komplexer Handlungsführung" auch eine „Aktualisierung des Romans“ durch die neu eingefügte Gliederung anhand der für die Lauber-Werkstatt typischen Überschriften und Bilder. (Vgl.: Viehauser-Mery 2009, S. 480-483)

Forschungsliteratur

Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, Stuttgart / Weimar 2004.

Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, in:  ²VL, Bd. 10, 1999, Sp. 1375-1418.

Heinzle, Joachim: Abriß der Handlung, in: Ders. (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach. Ein Handbuch, Berlin / New York 2011, S. 223-263.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Schirok, Bernd: Überlieferung, in: Joachim Heinzle (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach. Ein Handbuch, Berlin / New York 2011, S. 308-365.

Schirok, Bernd: Themen und Motive, in: Joachim Heinzle (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach. Ein Handbuch, Berlin / New York 2011, S. 366-410.

Viehhauser-Mery, Gabriel: Die ›Parzival‹-Überlieferung am Ausgang des Manuskriptzeitalters. Handschriften der Lauberwerkstatt und der Straßburger Druck, Berlin / New York 2009 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte NF 55 [289]).

(HS)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Dresden, SLUB, Mscr.Dresd.M.66 Werkstatt Diebold Lauber 1446, ein Blatt 1437-1439 1446 |
Heidelberg, UB, Cod. Pal. germ. 339 Werkstatt Diebold Lauber 1443-1446 1443 |
Wien, ÖNB, Cod. 2914 Werkstatt Diebold Lauber um 1440-1445 1440 |


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