Karl der Große (Der Stricker)


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Allgemeines

Die Dichtung Karl der Große ist ein früher, möglicherweise sogar der früheste Text des Strickers. Dieser Autor, von dem bis heute nicht klar ist, ob der Name als sprechend oder als Eigenname zu verstehen ist,  war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts überwiegend im österreichischen Raum als Berufsdichter tätig. Ob allerdings auch der Karl schon dort entstanden ist und wer den Auftrag für das Werk gegeben haben könnte, ist nicht bekannt. Auch die Datierung des Karls-Textes ist umstritten und lässt sich nur sehr grob zwischen 1215 und 1233 eingrenzen.

Der Karl stellt eine Überarbeitung und Erneuerung seiner Hauptquelle, des Rolandsliedes, dar. Diesen Text des Pfaffen Konrad aus dem späten 12. Jahrhundert, der die französische Chanson de geste-Tradition aufnimmt und die Chanson de Roland  ins Deutsche überträgt, formt der Stricker nach dem Muster der höfischen Epik um, indem er sowohl metrische als auch stilistische Glättungen und Modernisierungen vornimmt. Streckenweise gibt der Stricker die Konrad’schen Verse aber auch nahezu wörtlich wieder und erweist damit der literarischen Autorität – den Leitgedanken der Reformatio, Renaissance, Regeneratio und Renovatio folgend – Respekt (Herkommer 1987, S. 250). Ferner tilgt der Stricker jedoch auch einige Passagen der Vorlage und berichtigt oder ergänzt Angaben. Die Stricker’sche Neufassung der Karls-Dichtung hat das Rolandslied in seiner Überlieferung weitgehend abgelöst. Bernd Bastert weist hierzu aber auch darauf hin, dass der Karl im Niederdeutschen und Ripuarischen kaum bekannt gewesen ist und daher auch als komplementär zum Rolandslied gelten kann, welches in diesen Gebieten stärker verbreitet war (Bastert 2010, S. 125).

Inhalt

Der Stricker’sche Karl der Große wurde wohl als Rechtfertigung der Kanonisation Karls verfasst (Singer 1971, S. 40) und ist das einzige Werk des 13. Jahrhunderts, in dem der Frankenkönig auch tatsächlich als epische Figur auftritt (Schnell 1982, S. 345). Der Stricker führt Karl bereits im Prolog als heiligen man ein und leitet dessen Leben somit von Anfang an als eine Art Heiligenvita ein (Bastert 2010, S. 290). Diese beginnt mit einem Resümee zu Karls Jugend und behandelt dann dessen weiteres Leben. Wesentliche Rollen spielen darin auch Karls Neffe Roland und die Feldzüge in Spanien. Durch die Präsentation des Protagonisten als Kreuzritter und Idealherrscher trägt der Stricker mit seiner Dichtung zur Etablierung des mittelalterlichen Karlsmythos bei.

Überlieferung

Die Angaben zu den Überlieferungsträgern weichen in der Forschung leicht voneinander ab: Bernd Bastert setzt den Zahlen des Verfasserlexikons von 24 Handschriften und 23 Fragmenten (Geith [u.a.] 1995, Sp. 419) nur 22 (annähernd) vollständige Handschriften und 19 Fragmente entgegen (Bastert 2010, S. 124). Klar ist in jedem Fall, dass der Karl der Große des Strickers als eines der am meisten überlieferten Werke des deutschsprachigen Hochmittelalters  anzusehen ist (Weber 2010, S. 1). Mit dem Buchdruck flacht das zunächst enorme Rezeptionsinteresse am Karl jedoch schnell ab.

In zwölf der von Bastert angenommenen 22 Kodizes ist der Karl als Einzeltext überliefert. Aufgrund von heilsgeschichtlichen Berührungspunkten kommt es im  14. Jahrhundert mehrfach zu einer „Überlieferungssymbiose“ mit der Weltchronik Rudolfs von Ems, der ein Zeitgenosse, Bekannter und Anhänger des Strickers war (Bastert 2010, S. 145).

Die Lauber-Handschrift

Aus der Lauber-Werkstatt ist mit Bonn S 500 („X“) nur eine einzige Karl-Handschrift überliefert. In diesem großformatigen Kodex ist die Stricker’sche Dichtung als Einzeltext enthalten. Dass der epische Text überhaupt bei Lauber aufgenommen wurde, ist wohl auf die Programmerweiterung der Werkstatt in den Jahren 1445 bis 1455 zurückzuführen. Als wahrscheinlichsten Auftraggeber nimmt Lieselotte Saurma-Jeltsch Wilhelm II. von Castell an (Saurma-Jeltsch 2001, S 216f.), worauf auch einige der illustrierten Wappen in der Handschrift hinweisen. Auf den 269 Blättern befindet sich auf etwa jeder zehnten Seite eine der 38 erhaltenen farbigen Federzeichnungen (Saurma-Jeltsch 2001, S. 85). Ursprünglich umfasste das Werk wohl etwa zehn weitere Illustrationen, die jedoch später herausgerissen wurden und heute nicht mehr vorhanden sind. Bei der Bebilderung wurde nicht nur mit heraldischen Hinweisen, sondern auch stark mit gängigen Bildmustern aus anderen Lauber-Produkten gearbeitet, sodass beim Betrachtenden das Bildgedächtnis angeregt werden soll und Assoziationen zu belehrenden Inhalten aus Historienbibeln, Andachtsbüchern und Romanen möglich waren (Saurma-Jeltsch 2001, S. 215). Eine der beiden Schreiberhände von S 500 lässt sich in weiteren Lauber-Produkten nachweisen: Die Übereinstimmung mit den Heidelberger Handschriften Cod. Pal. germ. 19 und Cod. Pal. germ. 339 konnte im Rahmen der Untersuchung der Schreiberhände im Projekt "Diebold Lauber - digital" bestätigt werden. Auch die Zuweisung des Stuttgarter Buchs der Natur (Cod. med. et phys. 2° 14) zu diesem Schreiber erwies sich dabei als sehr wahrscheinlich. Dagegen bleibt die Tätigkeit des Schreibers im Brüsseler Tristan ms. 14697 fraglich und konnte im Genfer Edelstein-Text Cod. Bodmer 42 ausgeschlossen werden (vgl. Saurma-Jeltsch 2001, S. 137/499). Ob eine Schreiberverbindung desselben Karl-Schreibers zum Linzer Lektionar Hs.-471 besteht, wie Saurma-Jeltsch vermutet (vgl. Saurma-Jeltsch 2001, S. 121/432), konnte bislang nicht konkretisiert oder überprüft werden.

Im Überlieferungszusammenhang ist die Lauber-Handschrift der Überlieferungsgruppe ANUXYZ zuzuordnen, bei der die Verse 111 bis 114 fehlen. Innerhalb dieser Gruppe ist sie der jüngste Textzeuge (Weber 2010, S. 115).

Forschungsliteratur

Bastert, Bernd: Helden als Heilige. Chanson de geste-Rezeption im deutschsprachigen Raum. Tübingen 2010.

Geith, Karl Ernst [u.a.]: Der Stricker, in: ²VL, Bd. 9, 1995, Sp. 417-449.

Herkommer, Hubert: Der St. Galler Kodex als literarhistorisches Monument, in: Kantonsbibliothek (Vadiana) St. Gallen und Editionskommision (Hrsg): Rudolf von Ems ›Weltchronik‹. Der Stricker ›Karl der Große‹, Kommentar zu Ms 302 Vad., Luzern 1987, S. 127-273.

Karl der Große. Werk und Wirkung, Katalog zur zehnten Ausstellung unter den Auspizien des Europarates im Rathaus zu Aachen und im Kreuzgang des Domes 26. Juni bis 19. September 1965, Aachen 1965.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung, Bd. 1, Wiesbaden 2001.

Schnell, Rüdiger: Zur Karls-Rezeption im ›König Rother‹ und in Ottes ›Eraclius‹, in: PBB 104, 1982, S. 345-358.

Singer, Johannes: Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte von Karl dem Großen, Diss., Bochum 1971.

Weber, Stefanie: Strickers ›Karl der Große‹. Analyse der Überlieferungsgeschichte und Edition des Textes auf Grundlage von C. Hamburg 2010.

 

(CM)

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Bonn, ULB, S 500 Werkstatt Diebold Lauber 1443/1444 1443 |


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