Flore und Blanscheflur (Konrad Fleck)


Informationen

Allgemeines

Über Konrad Fleck ist nichts Biographisches überliefert. Als den Autor der deutschen Flore und Blanscheflur-Dichtung, die vermutlich um 1200 entstanden ist (Putzo 2012, S. 168), weist Rudolf von Ems ihn aus. Um den Wahrheitsgehalt der Erzählung zu gewährleisten, nennt Fleck Ruopreht von Orlent als den Verfasser seiner altfranzösischen Vorlage, die selbst nicht erhalten ist, aber der version aristocratique des Textes nahegestanden haben muss. Flecks Bearbeitung umfasst dabei eine eigenständige Erweiterung von ursprünglich etwa 3000 Versen der Vorlage auf etwa 8000 Verse, die im Wesentlichen psychologische Motivierungen, Prolog, Schluss und Epilog umfasst (Ganz 1980, Sp. 745). Als stilistisches Vorbild Konrad Flecks gilt Hartmann von Aue.

Der Stoff um die beiden sich liebenden Flore und Blanscheflur ist im Mittelalter weit verbreitet. Ob er seinen Ursprung in Frankreich hat, wie es die ältesten Überlieferungen nahelegen, oder aus dem orientalischen Raum stammt, lässt sich heute nicht mehr sicher nachvollziehen.

Inhalt

Fleck bittet im Prolog des Textes um die Nachsicht seines Publikums, da es sich bei dem Roman um sein Erstlingswerk handele. Den eigenen Namen verschweigt er dabei, um dem Vorwurf der Ruhmsucht zu entgehen. Nach dem Prolog leitet eine „Rahmensituation“ (Hupfeld 1967, S. 35) – der Rahmen wird am Ende nicht wie in einer eigentlichen Rahmenhandlung geschlossen – die Beispielerzählung Flore und Blanscheflur ein, die von der vollkommenen Liebe eines heidnischen Königssohns und einer christlichen Sklaventochter handelt. Gemeinsam eignen sich die beiden Kinder das Wissen der hohen Minne aus gelehrten Liebesgeschichten an. Sie lernen daraus, Treue als Ideal wahrer Liebe anzusehen und Liebesworte höfisch angemessen auszutauschen. Weil diese Verbindung aber nicht standesgemäß ist, führen Flores Eltern durch eine Intrige die Trennung der Kinder herbei: Sie verkaufen Blanscheflur an babylonische Händler und machen ihren Sohn – gestützt von einem extra errichteten Grabmal für das Mädchen – glauben, seine Geliebte sei tot. Als dieser sich daraufhin selbst das Leben nehmen will, erzählt ihm seine Mutter die Wahrheit.  Entsprechend dem „Erzählschema der Minne- und Aventiureromane“ (Egidi 2005, S. 176) begibt sich Flore auf die Reise, um mit List die in einem Turm gefangene und inzwischen dem Amiral versprochene Blanscheflur zurückzugewinnen. Mit Hilfe des Zöllners Daries gelingt es Flore, in den Turm einzusteigen, wo das vereinte Paar aber entdeckt und vom Amiral zum Tode verurteilt wird. Die „leidenschaftlichen Selbstanklagen und dramatischen Plädoyers für die Unschuld des jeweils anderen“ (Wedell 2008, S. 48) rühren jedoch die Ankläger so sehr, dass Flore und Blanscheflur in ihre Heimat Spanien zurückkehren können, wo sie nach Flores Taufe heiraten und als neues Königspaar regieren. Hundertjährg sterben sie, die inzwischen die Großeltern Karls des Großen sind, gemeinsam. 

Überlieferung

Die Beliebtheit des Flore und Blanscheflur-Stoffes zeigt sich daran, dass die Geschichte dieser „Kinderminne“ (Hupfeld 1967, S. 198) im Mittelalter in viele Sprachen übersetzt wurde. Die meisten davon nutzen die älteste bekannte Fassung, die altfranzösische version aristocratique, als Vorlage. Als erste deutschsprachige Bearbeitung gilt der Trierer Floyris, der um 1170 entstanden (Putzo 2010, S. 513 u. Schäfer 1984, S. 6) und nur in Form von vier Pergamentdoppelblättern erhalten ist.  Konrad Flecks Fassung ist in vier Textzeugen überliefert. Zwei davon sind Pergamentfragmente, die ins 13. Jahrhundert datiert werden. Die beiden anderen Überlieferungsträger sind Papierhandschriften, die den Fleck’schen Text vollständig enthalten. Sie stammen aus der Lauber-Werkstatt und damit aus dem 15. Jahrhundert. Es ist ausschließlich der Aufnahme der Flore und Blanscheflur-Geschichte in das Verlagsprogramm Laubers zu verdanken, dass heute die gesamte Fleck’sche Fassung überliefert ist.

 Die Lauber-Handschriften

Die beiden Lauber-Produkte Heidelberg  Cod. Pal. germ. 362 und Berlin Ms. germ fol. 18 sind im Abstand von über zwanzig Jahren geschrieben worden. Christine Putzo erläutert, dass beiden Codices eine gemeinsame Vorlage *HB aus dem 13. oder frühen 14. Jahrhundert zugrunde gelegen haben muss (Putzo 2012). Beide Lauber-Handschriften sind mit roten Kapitel- und Bildüberschriften, mit roten Lombarden und Rubrizierungen ausgestattet.

Die frühere Heidelberger Handschrift entspricht in ihrer Untergliederung durch Initialen noch fast exakt dem Frauenfelder Fragment, das der älteste Überlieferungsträger dieses Textes ist (Putzo 2012, S. 173). Als einziger Textzeuge der Fassung Flecks ist der Cod. Pal. germ. 362 illustriert. In den 36 hintergrundlosen und ungerahmten Federzeichnungen wird dabei der märchenhafte Charakter der Geschichte auch bildlich umgesetzt. Außerdem beobachtet Christoph Winterer in der Anordnung der Illustrationen die Übertragung der rhetorischen Aposiopese ins Bild und Parallelen zu kinematographischen Erzählweisen (Winterer 2012). In einigen der Darstellungen sind Wappen verschiedener Adelsfamilien integriert. Der Heidelberger Cod. Pal. germ. 362 stellt eine weitgehend mechanische Reproduktion seiner Vorlage dar (Putzo 2012, S. 169).

Im Gegensatz dazu erweist sich das Berliner Ms. germ fol. 18 als eine „planende sprachliche Bearbeitung“, die an das zeitgenössische Publikum angepasst ist (Putzo 2012, S. 169). Diebold Lauber selbst wird als der Schreiber dieser durchstrukturierten und mit Register versehenen Handschrift angenommen (Saurma-Jeltsch 2001, S. 67). Sie ist eines der wenigen bekannten Lauber-Erzeugnisse, das nicht bebildert ist. Jedoch sind auch darin halb- bis ganzseitige Freiräume für 36 Illustrationen gelassen, die in ihrer Anordnung etwa bis zur Hälfte derjenigen in der Heidelberger Handschrift entsprechen, danach davon abweichen. Ihr Zustand als Halbfertigprodukt ist ein Hinweis darauf, dass in der Lauber-Werkstatt Codices auf Vorrat gefertigt wurden. Als mögliche Gründe, warum die vorgesehene Bebilderung in der Berliner Flore und Blanscheflur-Schrift nicht mehr erfolgte, gibt Christine Putzo das Fehlen eines für die Illustrationen zahlkräftigen Käufers oder auch einen Malermangel in der Spätphase der Werkstatt an (Putzo 2010, S. 514).

Forschungsliteratur

Egidi, Margreth: Implikationen von Literatur und Kunst in ›Flore und Blanscheflur‹, in: Beate Kellner [u.a.] (Hrsg.): Geltung der Literatur. Formen ihrer Autorisierung und Legitimierung im Mittelalter, Berlin 2005 (Philologische Studien und Quellen 190), S. 163-186.

Ganz, Peter: Konrad Fleck, in: ²VL, Bd. 2, 1980, Sp. 744-747.

Hupfeld, Klaus Bernhard: Aufbau und Erzähltechnik in Konrad Flecks ›Floire und Blanscheflur‹, Diss., Hamburg 1967.

Putzo, Christine: ›Flore und Blanscheflur‹, in: Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters, begonnen v. Hella Frühmorgen-Voss, fortgef. v. Norbert H. Ott zus. m. Ulrike Bodemann, Bd. 4/2, München 2010 (Veröffentlichungen der Kommission für Deutsche Literatur des Mittelalters der Bayerischen Akademie der Wissenschaften), Nr. 40, S. 513-525.

Putzo, Christine: Laubers Vorlagen. Vermutungen zur Beschaffenheit ihres Textes – Beobachtungen zu ihrer Verwaltung im Kontext der Produktion. Am Beispiel der Überlieferungen von ›Flore und Blanscheflur‹ und ›Parzival‹, in: Christoph Fasbender (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 165-196.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung, Bd. 1, Wiesbaden 2001.

Schäfer, Verena: Flore und Blancheflur. Epos und Volksbuch. Textversionen und die verschiedenen Illustrationen bis ins 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der Illustration, München 1984 (tuduv Studien. Reihe Kunstgeschichte 12).

Wedell, Moritz: Flore und Blanscheflur im bilde. Bild-Erzeugung und Bild-Übertragung in Konrad Flecks Floreroman, in: Das Mittelalter 13, 2008, S. 42-62.

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Heidelberg, UB, Cod. Pal. germ. 362 Werkstatt Diebold Lauber um 1442-1444 1442 |
Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Ms. germ fol. 18 Werkstatt Diebold Lauber um 1466/68 1466 |


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