Der Edelstein (Ulrich Boner)


Informationen

Allgemeines

Der Edelstein gilt als die erste geschlossene Sammlung äsopischer Fabeln („bîschafte“) in hochdeutscher Sprache. Ulrich Boner, wahrscheinlich ein Dominikaner-Mönch, gibt sich unter dem Namen „Bonerius“ in Prolog und Epilog selbst als Autor des Werkes an. Im Wesentlichen auf der Grundlage zweier lateinischer Vorlagen des Mittelalters – Anonymus Neveleti und Avian – sowie anderer moralisierender Kurzerzählungen überträgt Boner die Vorlagen ins Deutsche und fügt die einzelnen Tierbîspeln und Reimpaarfabeln anhand gemeinsamer Inhaltsstichwörter zu Paaren zusammen. Darin, dass der Autor kluogkeit (Boner 1844, V. 66) im unscheinbaren Gewand der Fabel vermitteln will, zeigt sich die didaktische Absicht der Sammlung. Der geistlich-christliche Bezug, auf dem die Lehren dabei fußen sollen, rückt teilweise hinter der „Schaden-Nutzen-Kalkulation“ (Wetzel 2012, S. 276) der jeweiligen Situation in den Hintergrund.

Gewidmet hat Boner seinen Edelstein dem Freiherren Johann von Ringgenberg I aus Bern, dessen Tod dadurch als terminus post quem für den Abschluss der Fabelsammlung angenommen wird, die dementsprechend nach 1350 entstanden sein muss.

Die Popularität des Boner-Textes zeigt sich einerseits darin, dass er schon 1461 als eines der ersten Werke als Druck vorlag, andererseits auch in seiner ergänzten Fortführung durch den „Schweizer Anonymus“. Erst 1476 wird der Edelstein zunehmend von Heinrich Steinhöwels Esopus verdrängt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte die Fabelsammlung durch Lessing eine zweite Hochphase, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Johann Joachim Eschenburg und Georg Friedrich Benecke zwei Neuauflagen des Edelsteins hervorbrachte.

Inhalt

Der Edelstein bestand in der Boner-Fassung wahrscheinlich aus 100 gereimten Fabeln, die je als thematische Paare aufeinanderfolgen. Der Rahmen aus Prolog und Epilog nennt geistliche Absichten, wobei die Nützlichkeit bestimmter Verhaltensweisen tatsächlich mitunter zulasten ihrer moralischen Qualitäten entschieden wird. Menschliche Wesenszüge auf Tiere zu projizieren und so gute wie schlechte Eigenschaften zu exemplifizieren, um zum „richtigen“ Handeln zu bewegen, ist das Prinzip der Fabel. Im Epimythion bietet Boner zu jeder kurzen Geschichte verschiedene Deutungsmöglichkeiten, die didaktisch wirken sollen. Der Bezug zur Stadt Bern und zu den dortigen politischen Bewegungen, der durch Johann von Ringgenberg gegeben ist, spiegelt sich innerhalb der Fabelsammlung vermehrt durch das Thema Freiheit wider. Auch Themen wie Freundschaft und Treue oder Undankbarkeit, Ungerechtigkeit und Dummheit prägen die Erzählungen.

Überlieferung

Bekannt sind in der Forschung 32 handschriftliche Überlieferungsträger, wobei vier davon verbrannt oder verloren sind. Unter diesen befindet sich mit der Züricher die wohl auch älteste Handschrift, die seit 1779 aus dem Privatbesitz Johann Jakob Breitinger verschollen ist. Insgesamt lassen sich zwei Überlieferungstypen ausmachen: 1. bebilderte repräsentative Einzelhandschriften, 2. aus dem Schulbetrieb herausgewachsene und zur Auswertung für Prediger bestimmte Sammelhandschriften.

Der 1461 bei Albrecht Pfister in Bamberg erschienene Druck von Boners Edelstein gilt außerdem als erstes gedrucktes Buch in deutscher Sprache.  

Die Lauber-Handschrift

Aus der Lauber-Werkstatt ist nur ein Exemplar von Boners Fabelsammlung bekannt. Die Handschrift Cod. Bodmer 42 (Handschrift G der Edelstein-Überlieferung nach Bodemann / Dicke 1988) wird in der Bibliotheca Bodmeriana in der Schweiz aufbewahrt. Zuvor geriet sie vermutlich aus dem Besitz der Grafen von Hanau-Münzenberg in die Bibliothek des Franziskanerklosters Frauenberg und wurde nach ihrer Entwendung im 2. Weltkrieg für den Kunsthandel freigegeben, wo Martin Bodmer sie 1956 erwarb.

Die ersten acht Blätter, auf denen sich wohl das Inhaltsverzeichnis, der Prolog sowie die erste Fabel befanden, fehlen. Ebenfalls fehlen die 83 Illustrationen, deren Planung zwar durch die freien Felder und die Maleranweisungen ersichtlich ist, aber niemals umgesetzt wurde. Die lateinischen Tituli, die für die Lauber-Werkstatt einmalig sind, lassen auf eine bereits illustrierte Vorlage schließen. Eine direkte Vorlage kann allerdings auch wegen der schwierigen Überlieferungslage des Textes nicht sicher identifiziert werden (vgl. Grubmüller 1999). Ergänzt ist der Codex um zwei pseudo-bonerische Reimpaarfabeln („Fliege und Spinne“; „Fuchs und Krähen“) und zwei Tierbispeln („Katz und Maus“; „Mann und Sperber“). Außerdem weist er zweimal eine Änderung der Fabel-Reihenfolge auf, wohl mit der Absicht die inhaltlichen Paare thematisch passender zusammenzustellen.

Dass Cod. Bodmer 42 der Lauber-Werkstatt zugeordnet wird, geht auf Wetzel 1994 zurück. Einige Hinweise stützen diese These: Bildtitel, Datierung, alemannisch-elsässische Schreibsprache, die Verwendung einheitlicher Papiersorten, wie sie für die Spätphase der Werkstatt „paradigmatisch“ (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 77) ist, und nicht zuletzt Hinweise auf einen „ysopus gemolt“ sowie ein „bispyl bůch genant der welt lŏff gemӑlt“ in den Verlagsanzeigen anderer Lauber-Handschriften. Die bislang nicht eindeutig identifizierte Schreiberhand und der Umstand, dass dies die einzige Lauber-Handschrift mit Malerhinweisen in lateinischer Sprache wäre, lassen aber auch Zweifel an der Werkstatt-Zuordnung zu.

Forschungsliteratur

Bodemann, Ulrike [u.a] (Hrsg.): Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters, beg. von Hella Frühmorgen-Voss, fortgef. von Norbert H. Ott (Veröffentlichung der Kommission für deutsche Literatur des Mittelalters der Bayerischen Akademie der Wissenschaften), Bd. 4,1, München 2012, S. 216-219.

Bodemann,Ulrike / Dicke, Gerd: Grundzüge einer Überlieferungs- und Textgeschichte von Boners ›Edelstein‹, in: Volker Honemann / Nigel F. Palmer (Hrsg.): Deutsche Handschriften 1100-1400. Oxforder Kolloquium 1985, Tübingen 1988, S. 424-468.

Dicke, Gerd: ...ist ein hochberühmt Buch gewesen bey den allergelertesten auff Erden. Die Fabeln Äsops in Mittelalter und Früher Neuzeit, in: Mamoun Fansa / Eckhard Grunewald (Hrsg.): Von listigen Schakalen und törichten Kamelen. Die Fabel in Orient und Okzident. Wissenschaftliches Kolloquium im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg zur Vorbereitung der Ausstellung ›Tierisch Moralisch. Die Welt der Fabel in Orient und Okzident‹ am 22. und 23. November 2007, Wiesbaden 2008 (Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch 62), S. 23-36.

Grubmüller, Klaus: Boner, in: ²VL, Bd. 1, 1978, Sp. 947-952.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Schaffry, Andreas: Im Spannungsfeld zwischen Literaturkritik und philologischer Methode. Aspekte der Rezeption von Ulrich Boners Edelstein von Lessing bis Benecke, in: Sieglinde Hartmann / Ulrich Müller (Hrsg.): Jahrbuch zur Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft, Bd. 7, Stuttgart 1992/93, S. 405-433.

Ulrich Boner: Der Edelstein. Hrsg. Von Franz Pfeiffer, Leipzig 1844.

Wetzel, René: Deutsche Handschriften des Mittelalters in der Bodmeriana. Katalog, bearb. von René Wetzel, mit einem Beitr. von Karin Schneider zum ehemaligen Kalocsa-Codex, Cologny-Genève 1994 (Publikationen der Bibliotheca Bodmeriana, Reihe Kataloge, Bd. 7), S. 32-37.

Wetzel, René: Diebold Laubers ysopus gemolt. Zur Boner-Handschrift Cod. Bodmer 42 (G) in der Bibliotheca Bodmeriana, Cologny-Genf, in: Fasbender, Christoph (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 257-285.

(CM)

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Cologny-Genf, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 42 Werkstatt Diebold Lauber 1455 1455 |


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