Buch der Natur (Konrad von Megenberg)


Informationen

Allgemeines

Konrad von Megenberg (1309-1374) verfasste sein enzyklopädisches Buch der Natur, dem er selbst den Namen buch von den naturlichen dingen gab, im Wesentlichen als volkssprachige Übersetzung des Liber de natura rerum des Thomas von Cantimpré. Den „vielfältigen literarischen Neigungen und Interessen“ (Steer 1985, Sp. 222) des gelehrten Geistlichen entsprechend flossen aber auch andere Quellen in Konrads Textarbeit mit ein. Das Buch sollte sich ursprünglich an ein Laienpublikum richten, fand aber auch in Gelehrtenkreisen große Beachtung (Hayer 1998, S. 3). Georg Steer nimmt an, dass das Buch für Angehörige der Wiener Stephansschule geschrieben wurde, an der Konrad zeitweise wie auch an der Pariser Sorbonne und am Regensburger Dom tätig war (Steer 1985, Sp. 233).

Von den etwa 25 überwiegend lateinischen Texten, die sicher Konrads Autorschaft zuzuordnen sind, ist das Buch der Natur eines von insgesamt nur zwei deutschsprachigen Werken.

Inhalt

Konrad teilt das Buch der Natur anders als seine Vorlage in nur acht Kapitel ein, die nacheinander folgende Themenkomplexe behandeln: Menschen, himmlische Dinge, Tiere, Bäume, genießbare Bäume, Kräuter, unbelebte Natur und Wunderbrunnen. Die Reihenfolge innerhalb der einzelnen Kapitel folgt keiner einheitlichen Systematik (Vögel 1995, S. 46). Sowohl moralische Interpretationen als auch Wissensvermittlung bestimmen Konrads Darstellung (Spyra 2005, S. 38), der damit ein für mehr als zweihundert Jahre konkurrenzloses Naturkompendium schafft (Hayer 1998, S. 31). Zunehmend wurde in dieser Zeit der praktische Nutzen des Buches in den Mittelpunkt gestellt.

Die erste sogenannte Prologfassung von 1349/1350 enthält eine kunstvoll gereimte Vorrede, die als Rechtfertigung für Konrads Übersetzungsvorhaben anzusehen ist (Hayer 1998, S. 33). In einer späteren Fassung, die zwischen 1358 und 1362 entstanden sein muss, fehlt dieser strophische Prolog. Stattdessen setzt diese zweite Redaktion mit einem Widmungstext für den österreichischen Herzog Rudolf IV. ein, weswegen sie auch als Widmungsfassung bezeichnet wird. Unter anderem weil die Selbstnennungen des Autors aus der ersten Fassung hier nicht übernommen sind, ist nicht zweifelsfrei belegbar, ob tatsächlich Konrad selbst der Urheber der Bearbeitung ist.

Überlieferung

Die reiche Überlieferung des Buchs der Natur, die – je nach Zählweise der verschiedenen Quellen – zwischen 80 und 100 vollständige und fragmentarische Handschriften sowie sechs oder acht Inkunabeldrucke umfasst, lässt auf die anhaltende Popularität des Textes schließen.  Ein Autograph hat sich nicht erhalten. Mehr als zwei Drittel der überlieferten Codices tradieren die ursprüngliche Prologfassung, nur 22 enthalten die Widmungsfassung. Aufgrund seines Umfangs überliefern fast alle Textzeugen das Buch der Natur als einzigen Text (Hayer 1992, S. 66), wohingegen kleinere Passagen desselben auch in anderen Handschriften mit aufgenommen sind. Ulrike Spyra betont, dass eine Illustrierung des Buches nicht von Anfang an vorgesehen war und erst kurz vor der Mitte des 15. Jahrhunderts – fast ein Jahrhundert nach seiner Entstehung also – einsetzte (Spyra 2005, S. 53 u. 56f.).

Die Lauber-Handschriften

Mindestens drei Handschriften entstammen der Lauber-Werkstatt, wobei Spyra folgende Chronologie annimmt: Ms. Carm. 1 (Frankfurt), Cod. med. et phys. 2° 14 (Stuttgart) und Cod. Pal. germ. 300 (Heidelberg).

Alle drei Lauber-Handschriften sind illustriert und zumindest zum Teil rubriziert. Ferner enthalten sie ein Kapitelverzeichnis und gliedern den Text in 13 Großabschnitte. Zur Unterstützung dieser Gliederung ist den 13 Kapiteln jeweils eine ganzseitige, ungerahmte Bucheingangsdarstellung vorangestellt, die auf die „moralisch-allegorischen Auslegungen des Textes“ (Spyra 2005, S. 143) verzichtet und „als Vorläufer des modernen Titelblattes“ (Spyra 2005, S. 214) gelten kann. Außerdem betonen alle drei Codices „den Charakter des Buchs der Natur als Bestiarium und Herbarium“ (Spyra 2005, S. 87) und weisen gemeinsame Leitfehler, wie etwa einige Fehlkapitel, auf.

Hayer spricht von einer „Minimal- oder Grundausstattung“ (Hayer 1998, S. 410) an Illustrationen, die in jedem Buch der Natur aus der Lauber-Werkstatt zu finden ist. Dazu gehören die Bucheingangsdarstellungen, die stärker von Bildvorlagen als vom Megenberg-Text selbst geprägt sind, sowie einige Bildthemen der Unterkapitel, bei denen meist nicht klar entschieden werden kann, ob die Maler populäre Bildtraditionen aufgreifen oder sich um Textnähe  bemühen. In Hinblick auf die Art der Bebilderung lassen sich aber bei den drei Schwesternmanuskripten auch einige Unterschiede feststellen.

Im Frankfurter Ms. Carm. 1 macht die genannte Grundausstattung etwa 85 % der insgesamt 40 Federzeichnungen aus. Die Illustrationen der Unterkapitel dieser Handschrift entsprechen fast alle dem Kompositionstyp, bei dem dem beschriebenen Naturobjekt eine interessierte Personengruppe von Gelehrten gegenübersteht. Deren Gewänder wirken für die Entstehungszeit der Handschrift veraltet, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass hier eine späte Arbeit der schon in den 1420er Jahren wirkenden Malergruppe A vorliegt.

Der Stuttgarter Cod. med. et phys. 2° 14 enthält heute noch 47 Zeichnungen, wobei Blattverluste darauf schließen lassen, dass die Handschrift ursprünglich mehr Bilder enthielt. Die Zusammenarbeit des entwerfenden Malers I, der hier wohl erstmals tätig ist, und des ausmalenden Malers B gibt dem Ausstattungsstil einen ambivalenten Charakter (Saurma-Jeltsch 2001, S. 134). Insgesamt wirkt diese blattreichste der Buch der Natur-Ausgaben aus der Lauber-Werkstatt hastig hergestellt, da die Illustrationen zunehmend kleiner werden und Rubrizierungen verwischt sind, später sogar fehlen (Spyra 2005, S. 82). Im hinteren Spiegel befindet sich ein Exlibris-Eintrag Graf Heinrichs von Württemberg.

Der Cod. Pal. germ. 300, der sich heute in Heidelberg befindet, ist mit 61 Federzeichnungen durchgängig aufwendig bebildert. Unter den Lauber’schen Megenberg-Handschriften ist er der einzige, der den Bucheingangsdarstellungen, die auf die verso-Seiten gezeichnet sind, große, teils figürliche Initialen auf den recto-Seiten anschließt. Insgesamt wirkt die Bildkomposition hier dramatischer als in den beiden anderen.

Es ist davon auszugehen, dass das Buch der Natur bei Lauber in noch höherer Auflage erschienen ist (Spyra 2005, S. 188). Große Ähnlichkeiten mit den Lauber-Handschriften des Buchs der Natur hat der Rothenburgische Cod. WD 105. Eine eindeutige Klassifizierung als Lauber-Produkt ist hier schwierig, weil der Codex nicht illustriert ist. Die Gliederung in 13 Teile, übereinstimmende Leitfehler und andere Entsprechungen lassen nach aber „kaum eine andere Schlußfolgerung zu“ (Hayer 1998, S. 93).

Forschungsliteratur

Hayer, Gerold: Konrad von Megenberg ›Das Buch der Natur‹. Untersuchungen zu seiner Text- und Überlieferungsgeschichte, Tübingen 1998 (MTU 110).

Hayer, Gerold: Zur Kontextüberlieferung und Gebrauchsfunktion von Konrads von Megenberg ›Buch der Natur‹, in: Nikolaus Henkel / Nigel F. Palmer: Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter. 1100-1500. Regensburger Colloquium 1988, Tübingen 1992, S. 62-73.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1, Wiesbaden 2001.

Spyra, Ulrike: Das ›Buch der Natur‹ Konrads von Megenberg. Die illustrierten Handschriften und Inkunabeln, Stuttgart 2005.

Steer, Georg: Konrad von Megenberg, in: ²VL, Bd. 5, 1985, Sp. 221-236.

Vögel, Herfried: Sekundäre Ordnungen des Wissens im Buch der Natur des Konrad von Megenberg, in: Franz M. Eybl [u.a.] (Hrsg.): Enzyklopädien der Frühen Neuzeit. Beiträge zu ihrer Erforschung, Tübingen 1995, S. 43-63.

(CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Frankfurt, UB, Ms. Carm. 1 Werkstatt Diebold Lauber um 1440 1440 |
Stuttgart, WLB, Cod. med. et phys. 2° 14 Werkstatt Diebold Lauber um 1440-1444 1440 |
Heidelberg, UB, Cod. Pal. germ. 300 Werkstatt Diebold Lauber 1443-1451 1443 |


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