Belial (Jacobus de Theramo)


Informationen

Allgemeines

Der Belial ist das einzige Werk, das mit Sicherheit der Verfasserschaft des Klerikers und Rechtsgelehrten Jacobus de Theramo zugeschrieben werden kann. Fertiggestellt im Jahr 1382 fällt dieser Text über einen satanischen Musterprozess, dessen vollständiger Titel Litigatio Christi cum Belial sive Consolatio peccatorum lautet und der juristische mit theologischen Elementen vermischt, in eine Zeit des Schismas, der Päpste und Gegenpäpste (Mastroberti 2012, S. 1). Der Gebrauch im theologisch-kanonischen Kontext einer gelehrten Elite wich mit der vermehrten Übersetzung des ursprünglich lateinischen Textes ins Deutsche und in andere Volkssprachen zunehmend einer Rezeption juristischer Laienpraktiker.

Ob sich der Name Belial von der akkadischen Göttin Belili ableitet, ein hebräisches Kunstwort ist oder in seiner Wortwurzel das hebräische Wort für einen „verschlingenden Abgrund“ enthält, lässt sich etymologisch nicht abschließend klären (Röcker 2009, S. 21f.).

Inhalt

Im Belial findet die christliche Heilgeschichte eine juristische Rechtfertigung. Belial reicht als Stellvertreter der Höllengemeinde eine Klage gegen Jesus Christus ein, weil dieser bei seinem Abstieg in die Unterwelt unrechtmäßig die Seelen der Gerechten befreit habe. Moses übernimmt die Vertretung Christi, Gott fungiert als iudex ordinarius, Salomon als iudex delegatus. Dieser lehnt die Klage der Höllengemeinschaft ab, was Belial jedoch wegen einer möglichen Befangenheit Salomons – als Verwandtem Christi – erneut vor Gericht bringt. Weitere Prozessschritte folgen mit Joseph von Ägypten als neuem Richter und schließen damit, dass die Erlösung der Toten durch Jesus Christus als rechtmäßig erklärt wird.

Der Handlungsverlauf des Belial folgt streng den Regeln des kanonischen Prozessrechts und führt hierbei die verschiedenen Ämter, Institutionen und Rechtsschritte einer Gerichtsverhandlung mit den entsprechenden lateinischen Termini vor. 

Überlieferung

Die Zahl der lateinischen Handschriften lässt sich noch nicht sicher bestimmen. Bekannt sind dagegen neun Inkunabeln der lateinischen Textfassung, wobei die älteste bereits aus dem Jahr 1472 stammt. Die Übersetzungen des Belial in die Volkssprachen setzen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein, wobei sich im Deutschen zwei Typen unterscheiden lassen: Der erste überträgt die lateinische Vorlage fast wörtlich und ungekürzt, eine Übersetzervorrede bleibt aus. Diese Fassung liegt nur in drei Codices vor. Weit häufiger ist der zweite Typ der Übersetzung überliefert, der den lateinischen Text sehr frei ins Deutsche überträgt, theologische Passagen kürzt oder komplett streicht, juristische Elemente in den Vordergrund stellt und in seiner Übersetzervorrede ein Laienpublikum als Adressaten anspricht. Von 78 nachweisbaren Handschriften dieses Übersetzungstypus sind vier verschollen, 18 sind illustriert. Außerdem weist Norbert H. Ott 21 Drucke des Belial in deutscher Sprache nach, von denen bis auf zwei alle bebildert sind (Ott 1983). Insgesamt spiegelt sich im Bildbestand der Übergang vom Modus der Mündlichkeit des deutschen Gerichtsverfahrens zu dem der Schriftlichkeit des römischen Rechts wider. So ist die Bibel beispielsweise wie ein „instrumentum publicum“ eingeführt und Urkunden oder versiegelte Briefe werden in Übergröße dargestellt (Ott 1992).

Die gemeinsame Tradierung des Belial in Sammelhandschriften mit katechistischen Praxistexten und Rechtstexten wie dem Schwabenspiegel ist nicht ungewöhnlich.

Die Lauber-Handschrift

Die einzige bekannte, in der Lauber-Werkstatt entstandene Belial-Handschrift ist der Wiesbadener Codex Hs. 66, der der Wasserzeichendatierung zufolge vermutlich zwischen 1459 und 1463 entstanden ist (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 2, S. 120). Damit fällt er in die Zeit der Zusammenarbeit von Diebold Lauber und Hans Schilling, in der neben dem Belial auch andere erbauliche Schriften, Traktate und belehrende Literatur vermehrt ins Verlagsprogramm aufgenommen wurden (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 233).  Die Hand des Schreibers, der allein die gesamte Handschrift schreibt, konnte im Projekt „Diebold Lauber - digital“ neu mit der Hand des Diebold Lauber identifiziert werden. Die Annahme, dass es sich bei dem Schreiber um Hans Schilling handeln könnte (Saurma-Jeltsch, Bd. 2, S. 120), erwies sich hingegen als nicht zutreffend.

Der Wiesbadener Belial gehört dem zweiten Übersetzungstypus ins Deutsche an und zeigt in seinen 33 Illustrationen zum Teil „eine fast theatralische Drastik“, die das Einmalige und Besondere möglichst detailliert in Szene setzen soll (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 151). Hs. 66 ist nicht wie viele andere Überlieferungsträger des Belial eine Kompilation verschiedener Texte, sondern enthält ausschließlich diesen Text des Jacobus de Theramo.

Forschungsliteratur

Mastroberti, Francesco: The Liber Belial: A European work between law and theology. Introductory notes for an ongoing research project, in: Historia et ius 1, Rom 2012, S. 1-6.

Ott, Norbert H.: Ikonographische Signale der Schriftlichkeit. Zu den Illustrationen des Urkundenbeweises in den »Belial«-Handschriften, in: Johannes Janota (Hrsg.): Festschrift Walter Haug und Burghart Wachinger, Bd. 2, Tübingen 1992, S. 995-1010.

Ott, Norbert H.: Jacobus de Theramo, in: ²VL, Bd. 4, 1983, Sp. 441-447.

Ott, Norbert H.: Rechtspraxis und Heilsgeschichte. Zu Überlieferung, Ikonographie und Gebrauchssituation des deutschen ›Belial‹, München / Zürich 1983 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 80).

Röcker, Fritz W.: Belial und Katechon. Eine Untersuchung zu 2Thess 2,1-12 und 1Thess 4,13-5,11, Tübingen 2009.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

(CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Wiesbaden, HLB, Hs. 66 Werkstatt Diebold Lauber 1459-1463 1459 |


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