Barlaam und Josaphat (Rudolf von Ems)


Informationen

Allgemeines

Der Legendenroman Barlaam und Josaphat gilt als das zweite Werk Rudolfs von Ems und entstand wohl um 1225. Im Schlussgebet nennt sich der Verfasser namentlich selbst. Die lateinische Vorlage zu der Legendendichtung wurde Rudolf von dem Abt Wido des Zisterzienserklosters Kappel vermittelt und stellt eine christliche Bearbeitung des indischen Stoffes vom Leben Buddhas dar, die vermutlich erstmals in einer griechischen Version von Johannes Damaskenus in einen christlichen Kontext gestellt wurde. Der Contemptus-Mundi-Gedanke des christlichen Mittelalters und die asketische Weltabkehr der buddhistischen Lehre erweisen sich dabei als eine Art Schnittmenge der beiden Religionen und fungieren somit als gemeinsamer Kern der Legende (Lambertus 2011, S. 80). Aber auch, wenn Rudolf mit Eremitentum und Askese Ideale zisterziensischer Spiritualität präsentiert (Weber 2011, S. 32) und die Vermittlung einer moralischen Lehre als Ziel der Dichtung nennt (Classen 2000, S. 214), findet doch eine gewisse Umwidmung des indischen Ursprungs statt: Der Text wird von einem monastischen Herkunftssystem in ein dynastisches Empfängersystem überführt (Weber 2011, S. 34). Das zentrale Thema von Rudolfs Adaptation stelle somit nicht die Weltflucht als Ideal dar, sondern – adressiert an ein höfisches Publikum – die Bewährung in der Welt (Walliczek 1992, Sp. 331).

Inhalt

Der indische Heidenkönig Avenier lässt seinen einzigen Sohn Josaphat isoliert in einem Luxuspalast erziehen und verfolgt die Christen des Landes, um die Erfüllung der Prophezeiung zu verhindern, die ihm bei der Geburt des Kindes gemacht wurde: Demnach werde Josaphat sich zum Christentum bekennen. Auf inständiges Bitten seines Sohnes hin erlaubt Avenier diesem aber doch, die Außenwelt kennenzulernen, wo der Junge auf einen Kranken, einen Blinden und einen Greis trifft und daraufhin beginnt, sich die Sinnfrage des Lebens zu stellen. Zurück im Palast wird der christliche Eremit Barlaam – als Kaufmann verkleidet – mit der Erziehung Josaphats beauftragt, wo er den jungen Mann mit seinen frommen Lehren zum Christentum bekehrt. Nachdem Josaphat sich trotz weltlicher Versuchungen nicht von seinem Glauben abbringen lässt, teilt sein heidnischer Vater das Reich zwischen sich und seinem Sohn auf, konvertiert aber schließlich selbst zum Christentum und übergibt Josaphat die gesamte Herrschaft. Dieser muss sich nun zunächst als guter König bewähren, bis er die Herrschaft an seinen Gefolgsmann Barachias abgeben und seinem Lehrer Barlaam in die Einsiedelei nachfolgen kann.

Zwischen den beiden Polen „Herrschaft in der Welt“ und „religiös motivierter Weltflucht“ (Lambertus 2011, S. 56) wird die Art der rechten Lebensführung argumentativ über Rede und Gegenrede vermittelt. Mit dieser Didaktik und der Darstellung einer gerechten Regentschaft weist der Inhalt des Versromans gewisse Parallelen zu den mittelalterlichen Fürstenspiegeln auf (Kerschner 2010, S. 70).

Überlieferung

Neben Rudolfs Barlaam und Josaphat ist dieser Legendenstoff im deutschen Mittelalter in zwei weiteren Versübersetzungen bekannt: der Laubacher Barlaam Ottos II. von Freising und der sogenannte Zürcher Barlaam, der nur durch zwei Pergamentfragmente aus derselben Handschrift erhalten ist (Wyss 1989, Sp. 224 u. Stöllinger-Löser 2004, Sp. 216). Rudolfs Versroman lässt dagegen mit 47 Überlieferungsträgern auf ein reges Rezeptionsinteresse schließen. Von diesen 47 sind 14 Handschriften nahezu vollständig überliefert, vier von diesen aber wiederum verschollen. Obwohl unter den byzantinischen Versionen bereits bebilderte Handschriften aus dem 11. Jahrhundert bekannt sind (Kerschner 2010, S. 70), ist die Lauber-Handschrift Ms. Ludwig XV 9 für Rudolfs Barlaam und Josaphat der einzige illustrierte Textzeuge.

Die Lauber-Handschrift

Die 138 Illustrationen der Barlaam und Josaphat-Handschrift Ms. Ludwig XV 9 aus der Spätzeit der Lauber-Werkstatt gelten als „Neuschöpfungen“, die an keine ikonographischen Vorbilder anknüpfen (KdiH 1993, S. 6). Rudolfs Intention einer höfischen Lesart wird durch diese Lauber-Bebilderung, von der etwa ein Viertel in einem biblisch-heilsgeschichtlichen Kontext steht,  weniger verfolgt als die einer geistlichen Legende (KdiH 1993, S. 8f.). Damit passt das Werk auch in die spätere Entwicklung der Werkstatt, in der die Epenhandschriften zunehmend von moralisch belehrenden Inhalten abgelöst werden (Saurma-Jeltsch 2001, S. 136). Für die Ausstattung war vermutlich ein Mitglied der Malergruppe K zuständig, die bereits mit der Bebilderung der Colmarer Weltchronikkompilation (Ms. 305) beauftragt war. Folio 2 führt mit vier dargestellten Wappen vermutlich auf Wunsch des Auftraggebers verwandtschaftliche Beziehungen der Erstbesitzer vor. Aufgrund einer Selbstnennung ist Johann IV. von Falkenstein als Erstbesitzer anzunehmen. Insgesamt lassen sich in der Handschrift drei Bildtypen voneinander abgrenzen: hintergrundlose Dialogszenen mit zwei bis drei Figuren, vielfigurige Handlungsszenen vor Landschafts- und Architekturkulissen und meist frontalsymmetrische Figurengruppen in üppigen Architekturgehäusen (KdiH 1993, S. 8 u. 16). Ulrich Ernst nennt die Handschrift gar eine „wahre Fundgrube für schriftthematische Bilder, die sich z.T. vom Text lösen“ (Ernst 2006, S. 187).

Durch einen Schreibereintrag kann das Jahr 1469 als Entstehungszeit bestimmt werden. Die Handschrift ist somit als ein Produkt der Spätphase des Werkstattbetriebs anzusehen. Im Aufbau ähnelt sie mit ihrem „beinahe enzyklopädischen Charakter“, der die Gelehrsamkeit des Lesers anspricht, bereits frühhumanistischen Sammlungen. Heute befindet sich der noch 379 Blätter umfassende Codex im Getty Museum in Los Angeles.

Forschungsliteratur

Classen, Albrecht: Kulturelle und religiöse Kontakte zwischen dem christlichen Europa und dem buddhistischen Indien im Mittelalter: Rudolfs von Ems ›Barlaam und Josaphat‹ im europäischen Kontext, in: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung 41/2 u. 3, 2000, S. 203-228.

Kommission für deutsche Literatur des Mittelalters der bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters, Bd. 2, L. I/2, München 1993, S. 5-19.

Kerschner, Gottfried: ›Barlaam und Josaphat‹. Überlegungen zur Bildwürdigkeit der Askese im Mittelalter, in: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung 15/1, 2010, S. 66-81.

Lambertus, Hendrik: Der Weg aus der Welt im Wandel. Welt und Weltflucht in Rudolfs von Ems Barlaam und Josaphat und der altnorwegischen Barlaams saga ok Josaphats vor dem Hintergrund der indischen Buddhacarita-Tradition, in: Albrecht Classen (Hrsg.): Mediaevistik 24, 2011, S. 37-110.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Stöllinger-Löser, Christine: ›Barlaam und Josaphat‹, in: ²VL, Bd. 11, 2004, Sp. 215-219.

Weber, Regine: Die ›Heiligen‹ Barlaam und Josaphat, Alexander, Georg und Karl der Große als Integrationsfiguren im monastischen, dynastischen und städtischen Europa, in: Ina Karg (Hrsg.): Europäisches Erbe des Mittelalters. Kulturelle Integration und Sinnvermittlung einst und jetzt, Göttingen 2011, S. 31-49.

Wyss, Ulrich: Otto II. von Freising, in: ²VL, Bd. 7, 1989, Sp. 223-225.

Walliczek, Wolfgang: Rudolf von Ems, in: ²VL, Bd. 8, 1992, Sp. 322-345.

(CM)

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Los Angeles, Getty Museum, Ms. Ludwig XV 9 Werkstatt Diebold Lauber 1469 1469 |


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