Alexander (Rudolf von Ems)


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Allgemeines

Der Alexanderroman des Rudolf von Ems entstand vermutlich in zwei Phasen, wobei die erste noch dem Frühwerk des Autors zuzuordnen ist, die zweite dagegen mit dem Ende von Rudolfs Schaffenszeit zusammenfällt. Während Rudolf sich zwischen den beiden Phasen dem Verfassen der Weltchronik widmete, lassen sich auch innerhalb seiner Behandlung des Alexander-Stoffes Veränderungen nachvollziehen: Sowohl ein Vorlagenwechsel – Curtius Rufus‘ Historiae Alexandri Magni lösen die Historia de preliis Alexandri Magni Leos von Neapel ab – als auch eine nachträgliche Einteilung des Werkes in Bücher mit vorangestellten Prologen kennzeichnen die zweite Arbeitsphase. In der Forschung geht man heute davon aus, dass der Alexanderroman Rudolfs letztes Werk ist und fragmentarisch bleiben musste, weil der Dichter vor der Fertigstellung starb.

Rudolfs Bindung an den Stauferhof legt den Text als Fürstenunterweisung für Konrad IV., den Sohn Friedrichs II., zwar nahe, ein direkter Auftraggeber ist aber nicht bekannt (Walliczek 1992, Sp. 334).

Inhalt

Nachdem im ersten Buch die Vorgeschichte Alexanders des Großen ab der Kindheit behandelt wird, folgt ab dem zweiten Buch die Haupthandlung. In dieser stehen zunächst die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Makedonenkönig Alexander und dem Perserkönig Darius im Zentrum. Alexander siegt, wird zum neuen Herrscher über das eroberte Land und begründet damit das dritte Weltreich – das makedonisch-griechische, das das medisch-persische ablöst (Schlechtweg-Jahn 2006, S. 26). Darius, an dessen Tapferkeit in Rudolfs Werk keine Zweifel bestehen, fällt letztlich einem Verrat aus den eigenen Reihen zum Opfer. An der Stelle, als Alexander die Mörder des Darius verfolgen lässt, bricht der Text ab, bevor weitere Gefechte, wie der Feldzug nach Indien, und der als Abschluss intendierte Tod Alexanders thematisiert werden können.

Der Alexander verwebt eine stringente Haupthandlung mit episodischen Einschüben, wobei besonders im letzten Drittel des überlieferten Textes Exkurse mit heilsgeschichtlichen Aspekten an Bedeutung gewinnen. Themen wie die stæte sælde des Protagonisten oder dessen Umgang mit Verrat spielen ebenfalls eine große Rolle. Ralf Schlechtweg-Jahn betont die Darstellung Alexanders als Charismatiker, den Rudolf unkritisch als Idealherrscher und in einer grundsätzlichen Harmonie zu Gott präsentiert (Schlechtweg-Jahn 2006, S. 87-148 und S. 367).

Überlieferung

Rudolfs Alexanderroman ist in drei Fragmenten überliefert, wobei das kürzeste und zugleich älteste eine nur etwa 200 Verse umfassende Pergamenthandschrift ist und die beiden größeren, die an fast der gleichen Stelle abbrechen, im Zusammenhang mit der Lauber-Werkstatt stehen. Dass die Alexander-Vita auf zehn Bücher hin angelegt ist, lässt sich aufgrund der Akrosticha der überlieferten sechs Buchanfänge annehmen. (Walliczek 1992, Sp. 332f.)

Die Lauber-Handschriften

Die Münchener Handschrift Cgm 203 stammt aus dem Umfeld der Werkstatt von 1418, der wenig später entstandene Brüsseler Codex ms. 18232 hingegen wird bereits der Lauber-Werkstatt zugeordnet. Beide verfügen jedoch über Elemente, die Verbindungen zu der einen wie zu der anderen Werkstatt aufweisen und somit die Vorstellung eines gleitenden Übergangs der Betriebe unterstützen. Die zwei umfangreichen Torsi sind im übergroßen Folio-Format gefertigt, wobei Einzelblätter auf einen Papierfalz geklebt und erst anschließend zu Bögen und Lagen zusammengefügt wurden. Außerdem gilt für beide, dass sie nach gut 21000 Versen im sechsten Buch abrupt nach dem ersten Vers eines Reimpaares enden und so wahrscheinlich nur etwa die Hälfte des von Rudolf geplanten Gesamtkonzepts realisieren.

Der Alexander-Text der Brüsseler Handschrift ist um 20 Verse kürzer, dafür aber mit 45 lavierten Federzeichnungen intensiver bebildert als das nur mit zwei Illustrationen ausgestattete frühere Fragment. Dass sich bei dieser Münchener Prachthandschrift an die Vita Alexanders des Großen ab Blatt 194 ein versifiziertes Bruchstück aus dem Buch der Könige anschließt, stellt die große Besonderheit dieser Handschrift dar: einerseits deshalb, weil mit der ebenfalls aus der Lauber-Werkstatt stammenden Handschrift Colmar Ms. 305 nur ein einziger weiterer Textzeuge für eine gereimte Version des sonst in Prosa überlieferten Buchs der Könige erhalten ist, andererseits auch, weil es sich hier womöglich um den Versuch einer Fortsetzung von Rudolfs Alexander handelt. Stefanie Schmitt führt verschiedene Argumente dafür an, warum sich das bisher nicht zu den fortgesetzten Dichtungen gezählte Werk eben doch in den Kontext der mittelalterlichen Epen-Fortsetzungen eingliedern lässt, obwohl das angefügte Textstück in seiner Alexander-Darstellung kritischer ist und sprachlich ein schlichteres Niveau aufweist als Rudolfs Werk: Der Textwechsel von Rudolfs Alexander zum Buch der Könige bleibt ohne Kennzeichnung und verschleiert dadurch, dass der nun folgende Protagonisten-Name nicht mehr auf Alexander den Großen, sondern auf Alexander, den Sohn des Antiochus, bezogen ist. Neben der Namensgleichheit wirkt der heilsgeschichtliche Rahmen mit der Lehre, Gott zu fürchten und seine Gebote einzuhalten, als Bindeglied der beiden Texte. Nicht zuletzt sprechen die inhaltlichen Umstellungen in der Textanordnung des Buchs der Könige, die geschickt auf den vorausgehenden Alexander zugeschnitten sind, dafür, dass hier dem Bedürfnis, das Fragment mit dem Tod Alexanders zu seinem Ende zu bringen, nachgekommen werden soll (vgl. Schmitt 2003 und Schmitt 2012).

Forschungsliteratur

Ott, Norbert H.: Ulrichs von Etzenbach ›Alexander‹ illustriert. Zum Alexanderstoff in den Weltchroniken und zur Entwicklung einer deutschen Alexander-Ikonographie im 14. Jahrhundert, in: Walter Haug [u.a.] (Hrsg.): Zur deutschen Literatur und Sprache des 14. Jahrhunderts, Dubliner Colloquium 1981, Heidelberg 1983 (Reihe Siegen. Beiträge zur Literatur und Sprachwissenschaft 45), S. 155-172.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Schlechtweg-Jahn, Ralf: Macht und Gewalt im deutschsprachigen Alexanderroman (LIR 37), Trier 2006.

Schmitt, Stefanie: Alexanders Tod? Ein unbeachteter Text aus der Münchener ›Alexander‹-Handschrift Cgm 203, in: Fasbender, Christoph (Hrsg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin / Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums, Bd. 3), S. 35-57.

Schmitt, Stefanie: Ein Schluß für Rudolfs ›Alexander‹? Überlegungen zu cgm 203, in: ZfdA 132, 2003, S. 307-321.

Walliczek, Wolfgang: Rudolf von Ems, in: Kurt Ruh [u.a.] (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 8, Berlin / New York ²1992, Sp. 322-345.

(CM)

Signatur Werkstatt Datierung Datierung2 HSC Digitalisat Optionen
Brüssel, KBR, ms. 18232 Werkstatt Diebold Lauber 1425-1428 1425 |
München, BSB, Cgm 203 Umfeld der Werkstatt von 1418 1415 1415 |


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