Bellifortis (Konrad Kyeser)


Informationen

Allgemeines

Der Bellifortis von Konrad Kyeser ist eine militärwissenschaftliche Bilderhandschrift aus dem frühen 15. Jahrhundert. Der Titel des Werkes, das in lateinischer Sprache und in Hexametern verfasst ist, bedeutet etwa „der Kampfstarke“. Möglicherweise geht die Namensgebung auf eine Bibelstelle aus dem 2. Hebräerbrief zurück (Berg / Friedrich 1994, S. 181).

Der 1366 in Eichstätt geborene Kyeser erhielt vermutlich bei den Dominikaner-Mönchen eine medizinische Ausbildung. Bekannt ist außerdem, dass der Dichter am Türkenfeldzug teilnahm und infolge der erlittenen Niederlage von der Gefolgschaft König Siegmunds zu dessen Bruder König Wenzel desertierte. Nach Wenzels überraschender Gefangennahme durch König Siegmund 1402, wurde auch Kyeser verbannt. Innerhalb von drei Jahren während seines Exils in Böhmen, das er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen sollte, verfasste er den Bellifortis. Mit dieser wohl ersten in Deutschland entstandenen Bilderhandschrift der Ballistik schaffte er den „Prototyp“  einer neuen Literaturgattung militär-technischen Inhalts (Schmidtchen / Hils 1999, Sp.  477). Kyeser beruft sich auf antike Autoritäten wie Aristoteles und Alexander, die als Erfinder von Waffentechniken als Quellen relevant sind, zitiert aber nie wörtlich.

Die mehr zeigende als erklärende Gestaltung des Bellifortis lässt darauf schließen, dass in erster Linie nicht erfahrene Handwerker oder andere Kriegsexperten als Adressaten gedacht waren, sondern Laien.

Inhalt

Der Bellifortis vereinigt „Kriegstechniken und Techniken des Alltags“ (Berg / Friedrich 1994, S. 197) in einem Werk, zu dem konstitutiv auch Bilder gehören (Cermann 2014, S. 246). Bild und Text ergänzen sich dabei oft zu einem gemeinsamen Sinnverständnis, ihr quantitatives Verhältnis ist hierfür nicht immer ausgeglichen. In der vermutlich ältesten Fassung von 1402, die König Wenzel gewidmet ist,  integriert Kyeser zwei Rahmentexte, die der eigenen Selbstdarstellung dienen sollen. In späteren Bearbeitungen fehlen diese. Auch die Funktionalität der Ur-Fassung nimmt bei der jüngeren Fassung, die König Ruprecht gewidmet ist, zugunsten einer aufwendigeren Ausgestaltung der Bilder ab. Außerdem tritt die Alexander-Thematik zunehmend in den Vordergrund und das Kriegswesen wird mehr einem kosmologisch-astrologischen Rahmen zugeordnet (Berg / Friedrich 1994, S. 199).

Allgemein lassen sich zwei Abbildungstypen unterscheiden: Entweder werden die Waffen katalogartig aneinandergereiht oder sie werden in szenischen Darstellungen bei ihrer Anwendung gezeigt (Berg / Friedrich 1994, S. 208). Neben verschiedenartigen Gerätschaften zur Kriegsführung, werden auch andere Themen wie magische Rezepte oder Wassersysteme behandelt.

Für das mehrfach überarbeitete Werk wird  in der Forschung heute zwischen einer Sieben- und einer Zehn-Kapitel-Fassung unterschieden. Durch Götz Quargs Edition von 1967 hat sich zwar die Zehn-Kapitel-Fassung als Referenzausgabe etabliert, Kyesers  letzte Bearbeitungen zeigen aber eine zunehmende Bevorzugung des Autors von sieben Kapiteln. Eine vollständig korrigierte Fassung schloss Kyeser trotz mehrfacher Umformulierungen nicht ab.

Überlieferung

Es sind 22 lateinische Handschriften des Bellifortis überliefert, die sich fünf Fassungen zuordnen lassen. Nicht zuletzt wegen der verschiedenen Überarbeitungen Kyesers ist auch die Einheitlichkeit von Bild- und Textbestand unter den Überlieferungsträgern stark abweichend. Die Abschriften reichen bis ins Ende des 15. Jahrhunderts. Nach der Entstehung der Kyeser-Schriften in Böhmen stammen die meisten überlieferten Abschriften aus südwestdeutschen oder baierischen Gebieten.

Unter den deutschen Bearbeitungen lässt sich eine Unterteilung anhand der landessprachigen Rezeption vornehmen. Diese Fassungen liegen meist in der Sieben-Kapitel-Version vor und sind oft stark verändert. Besonders Ergänzungen zur Fechtkunst werden zunehmend integriert. Die Versform der lateinischen Vorlage wird von deutscher Prosa abgelöst. Die literarisch-artifizielle Intention, die Kyeser beim Verfassen wohl verfolgte, wird hier nur noch teilweise fortgeführt.

Gedruckt wurde der Text im 15. und 16. Jahrhundert nicht.

Die Lauber-Handschrift

Die Frankfurter Handschrift Ms. germ. qu. 15 ist die einzige Bellifortis-Fassung, die der Lauber-Werkstatt zugeschrieben wird. Erstbesitzer waren wohl Philipp von Hanau und seine Frau Anna von Lichtenberg. Die Handschrift zeigt eine nahe Verwandtschaft zu Donaueschingen Cod. 860, hat aber im Gegensatz zu diesem zehn anstatt sieben Kapitel.

Das Besondere an der Lauber-Handschrift ist, dass diese ohne Text vorliegt. Das Werk besteht aus 191 ganzseitigen kolorierten Federzeichnungen, die nur bis Blatt 4 beidseitig, danach jeweils nur auf der Recto-Seite abgebildet sind. Die Uneinheitlichkeit der Illustrationen ist auf eine mehrfache Überarbeitung zurückzuführen (Saurma-Jeltsch 2001, Bd. 1, S. 122/440). Dass die Maler die Vorlage „nicht einfach gedankenlos (…) kopiert haben“, zeigt sich daran, dass manche Bilder in dieser Handschrift erstmals mit neuen Elementen versehen oder neu so zusammengesetzt sind, dass sich der Sinnzusammenhang für den Rezipienten leichter verstehen lässt (Cermann 2014, S. 251). Der Boden ist auf den Illustrationen meist mit Blumen gestaltet.

Die Verwendung von einheitlichem Papier, das sich hier von nur einem einzigen enthaltenen Wasserzeichen ableiten lässt, ist typisch für die späte Lauber-Werkstatt.

Forschungsliteratur

Berg, Theresia / Friedrich, Udo: Wissenstradierung in spätmittelalterlichen Schriften zur Kriegskunst: Der ›Bellifortis‹ des Konrad Kyeser und das anonyme ›Feuerwerkbuch‹, in: Jan-Dirk Müller (Hrsg.): Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftungsprozess am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert, München 1994, S. 169-232.

Cermann, Regina: ›Astantes stolidos sic immutabo stultos‹ – von nachlässigen Schreibern und verständigen Buchmalern. Zum Zusammenspiel von Text und Bild in Konrad Kyesers ›Bellifortis‹, in: Christine Beier / Evelyn Theresia Kubina: Wege zum illuminierten Buch. Herstellungsbedingungen für Buchmalerei in Mittelaltern und früher Neuzeit. Wien [u.a.] 2014.

Quarg, Götz: Conrad Kyeser aus Eichstätt. Bellifortis. Umschrift und Übersetzung, Düsseldorf 1967.

Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1 u. 2, Wiesbaden 2001.

Schmidtchen, Volker / Hils, Hans-Peter: Kyeser, Konrad, in: ²VL, Bd. 5, 1985, Sp. 477-484.

Swarzenski, Georg (Hrsg.): Die illuminierten Handschriften und Einzelminiaturen des Mittelalters und der Renaissance in Frankfurter Besitz, bearb. von Rosy Schilling, Frankfurt a. M. 1929, S. 210-213.

Weimann, Birgitt: Katalog der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Die mittelalterlichen Handschriften der Gruppe Manuscripta Germanica, Frankfurt a. M. 1980.

(CM)

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